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Wie betrifft ein Brexit die Immobilienwirtschaft?

Wie betrifft ein Brexit die Immobilienwirtschaft?

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Bei einem „Hard Brexit“ gehen die Briten mit dem Kopf durch die Wand, setzen sich durch und können Cherrypicking betreiben. Bei einem „No Deal Brexit“ gibt es keine Einigung über Waren-, Dienstleistungs- oder Personenfreizügigkeit mehr, und die Grenzen zur Insel und zu den Überseegebieten werden dichtgemacht. UK-Firmen wie Banken, WP-Gesellschaften, Beratungen etc. ohne Rechtseinheit in der EU verlieren ihre Zulassung.

Es gibt die unterschiedlichsten Ansichten zum bevorstehenden Ausgang der Brexit-Verhandlungen.
Frank-Brün1
Im Interview
Welche Meinung vertreten Sie?

Brün: Ich gehe von einem „No Deal Brexit“ aus, da sich meiner Meinung nach die EU richtigerweise auf die Füße stellt. Ich glaube, die EU steht auf dem Standpunkt: Entweder ihr geht komplett raus, oder ihr bleibt drin. Der beste Vergleich ist ein Kind, das aus der elterlichen Wohnung auszieht und jetzt selbstständig und allein leben will. Da sollten die Eltern doch sagen: „Dann tu dies, aber auch mit allen Konsequenzen.“ Also, das Kind kann gerne zu Besuch kommen, aber nicht mit einem Packen Wäsche, der gereinigt gehört, oder um mit einer Einkaufstasche voller Sachen aus dem Kühlschrank wieder zu gehen. Und Zigarettengeld gibt es dann ebenso wenig wie Taschengeld zwischendurch. Genau so ist es auch mit dem Brexit.
Und zu sagen, jetzt probieren wir ein halbes Jahr oder ein Jahr, wie das geht, und dann reden wir noch einmal darüber, ist auch kein realistisches Szenario.

Eine Mischung wird es nicht geben?

Brün: Nein, denn man kann nicht die Dienstleistungs- und die Niederlassungsfreiheit einschränken, um den als Phänomen oft strapazierten polnischen Klempner loszuwerden, während die eigenen Vorteile zur Sicherung der eigenen Versorgung bestehen bleiben sollen. Dienstleistung aus Europa nein, aber Waren ja? Warum sollte sich die EU auch auf so ein Spiel einlassen? Wie gesagt: Die EU hat recht, dass sie auf Augenhöhe verhandelt – anders funktioniert das nicht.
Wobei man ja nie weiß, wie Verhandlungen letztendlich laufen. Sie müssen sich ja nur die Koalitionsverhandlungen in Deutschland vor einem Jahr als Beispiel nehmen.

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Nehmen wir an, es kommt zu einem „No Deal Brexit“ – was wären die Ergebnisse?

Brün: Es dürfte von heute auf morgen keinen freien Handelsverkehr und keinen Dienstleistungsverkehr mehr geben. Wir fallen zurück in die Zeiten vor der Zollunion der EU. Großbritannien wäre dann ein Nicht-EU-Land wie zum Beispiel die Ukraine. Die Zollvereinbarungen und Einreisebestimmungen gelten nicht mehr. Eigentlich dürfte nicht einmal mehr ein britisches Flugzeug in der EU landen.
Ich glaube, die Tragweite dieser Entscheidung haben die Wähler nicht bedacht.

Welche Auswirkungen wird das auf die Immobilienwirtschaft haben?

Brün: Für die Immobilienwirtschaft an sich wäre das meines Erachtens kein Problem. Man sieht, dass die Investoren bereits weit vorausgedacht haben. Sehr viele Gesellschaften laufen bereits über Luxemburg als Niedrigsteuerland. Und das Währungssrisiko hatten die Investoren schon immer. Ob jetzt die Amerikaner in England kaufen oder die Europäer, ist somit egal.

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Und die finanzierenden Banken?

Brün: Bereits im Juni 2016 hatten die britischen Großbanken Optionen auf Mietflächen in Frankfurt – selbst auf Flächen, die erst zwei, drei Jahre später verfügbar waren. Nach der Brexit-Abstimmung wurden diese Optionen alle gezogen, und eine so umfassende Vermietung an einem einzigen Tag wie in Frankfurt hat Europa wohl noch nie gesehen.
Frankfurt ist das Hauptziel der Brexit-Banker, und viele britische Banken haben jetzt auch europäische Lizenzen. Laut einer Studie der Helaba gibt es rund 25 Institute, die bereits ihren Firmensitz in Frankfurt aufbauen. Das Problem ist aber nicht der Büromarkt, sondern der Wohnungsmarkt, da die Helaba mit rund 8.000 Jobs rechnet.
Im Gegensatz zu den Firmen, die sich vorbereiten, ist meiner Meinung vielen Menschen nicht klar, was der Brexit für den privaten britischen Immobilienbesitzer bedeutet.

Nämlich?

Brün: Wenn ein britischer Eigentümer einer Immobilie in der EU kein EU-Bürger mehr ist, fällt das Privileg eines EU-Bürgers weg, und er darf möglicherweise keine Immobilie mehr in der EU besitzen. Wird der Kauf dann rückabgewickelt oder der Eigentümer enteignet? Das trifft doch sehr viele britische Rentner, die in Spanien oder einem anderen südeuropäischen Land eine Immobilie besitzen. In einigen Küstenregionen ist das ein riesiger Markt. Die Spanier überlegen daher tatsächlich, den Briten, die eine Immobilie besitzen, die spanische Staatsbürgerschaft zu geben.

Ihr Credo?

Brün: Wer schlau ist, hat sich auf einen „No Deal Brexit“ vorbereitet: Hope for the best, but be prepared for the worst.

Ein Beitrag von:

Walter Senk Walter Senk ist Chefredakteur der Immobilien-Redaktion, die er 2010 gründete. Er ist seit 20 Jahren Journalist mit dem Fachgebiet „Immobilien“. Er konzipiert und betreut Newsletter und Magazine für Medien und Unternehmen, moderiert Veranstaltungen und leitet Podiumsdiskussionen.

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