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Smog, Stau, Chaos

Verkehrsprobleme betreffen nicht nur alle Ebenen der städtischen Gesellschaft, sondern auch alle Städte in jedem Entwicklungsstadium. Allerdings manifestieren sich die Probleme in den Städten in unterschiedlicher Form und beeinträchtigen diese teilweise massiv. Lösungen müssen gefunden werden, aber Patentrezepte gibt es keine.

Mehr als die Hälfte der Menschheit lebt in Städten, ein großer Teil davon in einer von über 30 Megacities mit jeweils vier bis zehn Millionen Einwohnern. Bis zum Jahr 2015 soll diese Zahl auf 60 Städte mit mehr als 600 Millionen anwachsen. Aktuell entfallen rund zwei Drittel des globalen Energieverbrauchs, 60% des Wasserverbrauchs und 70% der Treibhausgase auf Städte. Aber die Stadt hat auch ihre wirtschaftliche Seite: Laut einer Studie der Münchener Rück sollen ab 2030 rund 80% der globalen Wirtschaftsleistung in diesen Zentren erbracht werden, obwohl diese nur 0,4% der Erdoberfläche bedecken. Megacities bieten Chancen und sind Herausforderungen für zukünftige Lebensformen. Die Megacities von heute sind nicht nur größer als die Großstädte Mitte des 20. Jahrhunderts, sie sind auch komplexer. Zum einen stehen sie wirtschaftlich zunehmend im Wettbewerb mit und in Abhängigkeit von anderen großen Städten der Welt. Zum anderen entstehen ganz neue Stadtregionen– die Ballungsgebiete erstrecken sich weit über die Grenzen einer einzelnen Stadt hinaus. So zum Beispiel das US-amerikanische Städteband „BosWash“ (das von Boston in Massachusetts bis Washington, D.C., reicht) oder die chinesische Stadt Chongqing. Diese gewaltigen Megacity-Regionen erzeugen eine neue Stadtdynamik. Pendler aus den dicht bevölkerten Randbezirken legen große Strecken zu ihren Arbeitsstellen zurück. Die wirtschaftliche Aktivität konzentriert sich nicht mehr an einem Punkt, sondern wandert vom Zentrum in die Vororte ab. Die häufig stark untergliederten Verwaltungssysteme können mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten. Dementsprechend schwierig gestaltet sich ein effizientes und ganzheitliches Konzept für die infrastrukturellen Aufgaben einer ganzen Metropolregion.

Verkehrsprobleme betreffen alle

Konzepte müssen gefunden werden, denn der Verkehr ist DIE zentrale Herausforderung, wie ein Forschungsprojekt von GlobeScan und MRC McLean Hazel mit Unterstützung der Siemens AG zeigt. Daneben sind noch wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, Wasser Abwasser, Entsorgung der Abfälle, Energieversorgung, Gesundheitswesen und Sicherheit wesentliche Kritierien für eine funktionierende Stadt. Das Verkehrswesen wird als die mit Abstand wichtigste infrastrukturelle Herausforderung betrachtet, weil dieser Bereich die Wettbewerbsfähigkeit der Städte am stärksten prägt. Da man auch um die ökologischen Folgen (wie Luftverschmutzung) weiß, wird umweltverträglicheren Nahverkehrslösungen große Bedeutung beigemessen. Hier besteht auch der größte Investitionsbedarf. Während manche Infrastrukturprobleme, wie etwa mangelhafte Wasserversorgung oder Sicherheit, hauptsächlich ärmere Stadtteile betreffen, sind verstopfte Straßen, überfüllte Züge und Luftverschmutzung auf keiner gesellschaftlichen Ebene zu übersehen. Zudem gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Verkehrswesen und der Wettbewerbsfähigkeit der Städte.

Investition hält mit Nachfrage nicht Schritt

Trotz der Förderung des öffentlichen Personennahverkehrs steigt die Nachfrage in vielen Megacities derart schnell, dass nachhaltige Lösungen zweifellos sehr schwierig zu realisieren sein werden. So wird sich allein in Shanghai die Zahl der Personen- und Lastkraftwagen bis zum Jahr 2020 voraussichtlich verdreifachen. Das äußerst dicht bebaute Stadtgebiet, fehlende Parkplätze und zu wenig Platz auf den Straßen haben das Wachstum förmlich aus der Stadt gedrängt; die dadurch entstandene Raumentwicklung ist mit nachhaltigeren Verkehrskonzepten immer schwerer zu bewältigen. Für Shanghai und andere Schwellenstädte, in denen die Motorisierung immer drastischer zunehmen wird, gibt es also keine einfache Lösung der Verkehrsprobleme.

Einige Beispiele

Entwicklungsländer sind davon noch viel stärker betroffen als Industrieländer, da ihnen zur Bewältigung all dieser Probleme nur begrenzte finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Hinzu kommt, dass das Wachstum riesiger urbaner Gebiete oft viel zu rasch und unorganisiert vor sich geht. Die Studie der Siemens AG bringt einige Beispiele zum öffentlichen Verkehr in Megastädten: In Neu-Delhi ist das Metro-Netz immer noch viel zu klein für die gewaltige Menge an Menschen, die täglich die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Das Bus-System wird zwar ständig erweitert, aber die Anzahl der Benutzer steigt viel rascher. Taxis sind teuer. Eine beliebte Alternative sind die sogenannte Auto-Rikschas, die kaum teurer als die Metro sind. Nur 16% der Bewohner von Mexiko City fahren mit Privatautos. Die große Mehrheit ist auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Vier Millionen benützen täglich die elf Metro-Linien, aber eine noch größere Anzahl von Pendlern ist jeden Tag auf überfüllte Busse angewiesen, weil in den Bereichen der Stadt, in denen sie unterwegs sind, keine Metro zur Verfügung steht. Zusätzlich gibt es noch elektrisch betriebene Trolleybusse und die privat betriebenen sogenannte Mikrobusse, die kaum teurer als die Metro sind.

Die Meerenge teilt Istanbul

Die geographische Lage der Stadt auf beiden Seiten des Bosporus wirft zunächst ganz eigene Schwierigkeiten auf, weil viele Einwohner täglich über die Meerenge pendeln. Darüber hinaus leidet Istanbul mit seinen zahlreichen Hügeln und engen Straßen stark unter Verkehrsstaus, insbesondere zu Stoßzeiten. Auf der asiatischen Seite der Stadt sind die öffentlichen Verkehrsmittel zudem völlig überlastet. Nur mit massiven Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur wird Istanbul diese Probleme in den Griff bekommen. Der Tunnelbau unter dem Bosporus, der die Situation etwas entspannen sollte, kommt aber derzeit kaum voran. Grund dafür sind die beim Bau gefundenen alten versunkenen römischen Häfen. Durch die Lage Istanbuls auf den beiden Kontinenten Europa und Asien und durch die für diese Stadtgröße spärlichen Verbindungen über Brücken beginnt sich allerdings nun auch der asiatische Teil weiterzuentwickeln.

Die Probleme der Industriestädte

Tokio kämpft mit einem enormen Zuwachs beim Verkehr. Obwohl das öffentliche Verkehrssystem eines der besten der Welt ist, sind die Züge, Metros und Busse ständig überfüllt. Da Japan auch ein führender Autohersteller ist, verwundert es nicht, dass Tokio auch mit einer hohen Verkehrsbelastung durch Privatautos zu kämpfen hat. Einst hatte London die modernste U-Bahn der Welt und damit ein enorm effizientes Transportsystem– heute kämpft die Stadt mit seinem alternden Bahn- und U-Bahn-Netz. Um das teilweise über 100 Jahre alte Schienensystem zu modernisieren, bedürfte es enormer Investitionen. In der Metropolregion werden täglich rund 30 Millionen Fahrten unternommen und die Investitionen der letzten 20 Jahre haben kaum für die Instandhaltung des Verkehrssystems ausgereicht– ganz zu schweigen von einer Kapazitätserhöhung für die rapide ansteigende Nachfrage. Infolgedessen sind alle Verkehrsnetze der britischen Hauptstadt bereits heute akut überlastet, wie ein aktueller Bericht der Dachorganisation Transport for London zeigt. Generelle Erfolgsmodelle gibt es keine und jede Stadt wird ihre Probleme wohl in Eigenverantwortung lösen müssen und das relativ schnell. Denn die Menschen strömen weiterhin in die Städte und damit wird das Verkehrsproblem immer größer.

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Über den Autor

wsenk

Walter Senk

Walter Senk ist Chefredakteur der Immobilien-Redaktion, die er 2010 gründete. Er ist seit 20 Jahren Journalist mit dem Fachgebiet „Immobilien“. Er konzipiert und betreut Newsletter und Magazine für Medien und Unternehmen, moderiert Veranstaltungen und leitet Podiumsdiskussionen.

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