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Nische mit Potenzial

In der großen Welt der Immobilien sind 1,5 Millionen Dollar eventuell nur ein Rundungsfehler, aber um diese Summe wechselten 15 % des Hard Rock Hotel Palm Springs ihre Besitzer. Das Interessante daran: In den USA wurde diese Summe von 85 Personen aufgebracht, der Verkauf wurde über eine Crowdfunding-Plattform abgewickelt. Crowdfunding ist auf dem Siegeszug. Leider noch nicht in Österreich und bei Immobilien schon gar nicht. Aber … „interessant wäre es schon“.

Fristeten alternative Finanzierungsformen wie Crowdfunding bislang ein Nischendasein, sind sie mittlerweile in einigen Ländern Europas eine zunehmend wichtige Kapitalquelle für viele Start-ups und auch Mittelstandsunternehmen. Wie eine Ernst Young-Studie (PDF, 6 MB) zeigt, nimmt die Bedeutung rasant zu. Allein im letzten Jahr wuchs das Volumen von Transaktionen über Plattformen außerhalb des klassischen Bankensektors europaweit von 1,21 auf 2,96 Milliarden Euro. Für 2015 wird ein Anstieg auf über sieben Milliarden Euro erwartet. Dazu gehören auch immer stärker Immobilien, und in England, Holland oder Deutschland gibt es dafür entsprechende Anbieter, wie zum Beispiel die beiden englischen Plattfomen www.propertycrowd.com und www.apieceoflondon.co.uk oder die deutschen Websites exporo.de, www.companisto.com und www.kapitalfreunde.de.

Technische Entwicklung entscheidend

Für heimische Immobilienexperten wie Anton Bondi, Bondi Consult, stellt sich die „organisatorische“ Frage, wie hoch die Einstiegssumme ist, ab der die Leute investieren können: „Mit 1.000 Euro anzufangen macht nicht viel Sinn, weil der organisatorische Aufwand zu hoch ist.“

„Derzeit zu hoch“, widerspricht Elfriede Sixt, Crowdfundingexpertin, dem Immobilienprofi, denn dank der technischen Entwicklung werde einiges leichter werden: „Wie reden da von einer Digitalisierung der Prozesse, und das bedeutet immer Effizienz.“ Zurzeit haben wir in Österreich noch eher Investment-Modelle als Crowdfunding. Nur ab bestimmten höheren Summen ist es möglich, sich als Investor an einem Projekt zu beteiligen, und da sind 100.000 Euro oftmals die Untergrenze. „100.000 Euro sind für mich nicht Crowdfunding“, meint Sixt, die auch schon einige Publikationen zum Thema verfasst hat. In den USA beginnen die Summen auf einigen Crowdfunding-Plattformen bei 70 oder 80 Euro.

Ab wann geht es los?

So weit sind wir in Europa noch nicht, aber schaut man auf die Website exporo.de, so ist man bereits ab 500 Euro bei einem Projekt dabei, was eher dem Sinn von Crowdfunding entspricht. „Die meisten wollen bei Projekten einsteigen, wenn schon alles erledigt ist“, so Bondi: „Grundstück gekauft, Baubewilligung, am besten noch eine Vorverwertung. Für so ein Projekt brauchen Sie aber auch Leute, die ein Risiko eingehen.“ Vielleicht wären die „Investoren“ ja tatsächlich bei einer Summe von 500 Euro eher bereit?

Seriosität und Transparenz

Worüber sich der Immobilienprofi und die Crowdfundingexpertin aber einig sind: Unternehmen, die eine Immobilie auf diese Art finanzieren wollen, müssen extrem seriös und zu Transparenz bereit sein. Bondi: „Wir setzen Projekte mit sechs bis sieben Investoren um, und das funktioniert. Die kennen aber auch die Rahmenbedingungen und kaufen keine Black Box.“ Der gute Ruf verpflichtet. In den USA wird das Thema Transparenz anders gelöst: Die jeweiligen Anbieter müssen im Internet ein Forum zur Verfügung stellen, in dem sich die Anleger über das jeweilige Projekt austauschen können.

Freudloses Nischendasein

„In Österreich sind alternative Finanzierungsformen abseits von Einzelfällen momentan nicht mehr als ein kleiner Nischenmarkt“, meint Georg von Pföstl, Advisory for Financial Services bei EY Österreich: „Österreich hinkt im internationalen Vergleich hinterher.“ Warum sich Crowdfunding in anderen Ländern so expansiv entwickelt und in Österreich eher noch ein freudloses Dasein fristet, liegt für Sixt neben den rechtlichen Herausforderungen auch am fehlenden Venture-Capital, mit dem solche Ideen oder Plattformen finanziert werden. Sie ist aber überzeugt, dass „die Entwicklung nicht mehr aufzuhalten ist. Ich glaube, dass Wien ein hervorragender Ausgangspunkt wäre.“

Die Masse macht’s

Es hat sich nämlich herausgestellt, dass gerade regionale Projekte besonders gefragt sind. Neben dem Argument „Finanzierung Anlage“ spricht noch etwas anderes dafür, Projekte über Crowdfunding zu finanzieren. Als Expertin wurde Sixt bereits von Tourismusvereinen angesprochen, da in einigen heimischen Regionen Wochenendhäuser leer stehen, weil sie von der nächsten Generation nicht mehr genutzt werden: „Die Frage ist, wie man es finanzieren kann, dass sich die Einheimischen den Grund wieder zurückholen.“ Ziel ist es, verfallende Wochenendhäuser aufzukaufen und einer neuen Nutzung zuzuführen. „In den USA wird in diese Richtung gedacht, denn vielen Menschen ist es wichtig, ihre Wohnumgebung selbstbestimmt zu gestalten.“ Ein verwahrlostes Fabrikgelände über Crowdfunding zu finanzieren, um eine neue, dem Wohnumfeld angepasste Verwertung zu ermöglichen, ist ein solcher Aspekt des Sammelns kleiner Beträge. Wenn es ein Großer nicht finanziert, dann eben die Masse.

„Interessant wäre es schon …“

Sixt ist überzeugt: „Crowdfunding für Immobilien hat viel Potenzial.“ Auch wenn Bondi der Meinung ist, dass es „langfristig nicht funktioniert“, spürt man in seinen Aussagen auch einen gewissen Unternehmergeist, und ganz so abgeneigt ist der Profi dann doch nicht: „Interessant finde ich das schon, und ich denke, bei einem kleinen Projekt kann man das durchaus einmal probieren.“

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Über den Autor

wsenk

Walter Senk

Walter Senk ist Chefredakteur der Immobilien-Redaktion, die er 2010 gründete. Er ist seit 20 Jahren Journalist mit dem Fachgebiet „Immobilien“. Er konzipiert und betreut Newsletter und Magazine für Medien und Unternehmen, moderiert Veranstaltungen und leitet Podiumsdiskussionen.

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