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Eine Idee setzt sich durch

Im Mai fand die mittlerweile 16. Internationale Passivhaustagung statt. Ort des Geschehens war diesmal Hannover. Aus über 40 Nationen fanden sich etwa 700 Passivhaus-Akteure und Interessierte ein, um Neuigkeiten zu präsentieren oder um sich über Neues zu informieren.

Das umfassende Angebot der diesjährigen Tagung richtete sich wieder an Planer, Hersteller, Ausführende, Wissenschaftler und alle anderen am Thema „Passivhaus“ Interessierten. In hochkarätigen Plenarsitzungen, Fachforen, Workshops, Kursen für Neueinsteiger, Exkursionen und einer Fachausstellung für energieeffiziente Produkte und Komponenten wurde schnell wieder klar: Das Thema „Passivhaus“ bzw. „Bauen mit Passivhaustechnologien“, wie Winfried Schuh, hausverstand.com, richtigstellte, ist längst kein Randthema mehr, sondern eine allumfassende, zutiefst ernstzunehmende Bewegung, die einen Paradigmenwechsel in der Baubranche ausgelöst hat. Schuh: „An dem Einsatz von Passivhauskomponenten führt kein Weg mehr vorbei, ist doch der Niedrigstenergiestandard bei allen neuen Gebäuden ab 2020 EU-weit Pflicht.“

Masterplan für die Europäische Energiewende

Zum Auftakt der 16. Internationalen Passivhaustagung wurde vom Initiator und Hausherrn Prof. Wolfgang Feist ein Vorschlag für einen Masterplan für die Europäische Energiewende vorgestellt und dessen Umsetzung von der EU-Kommission gefordert. Das Ziel ist die radikale Erhöhung der Thermischen Sanierung. Nur so könne die drohende Klimawende abgewehrt werden, so Feist. Mit einer Impulsförderung von € 80,– pro Quadratmeter Wohnfläche für die Sanierung (mit einer mindestens 85-prozentigen Energieeinsparung) sollen in der EU in den nächsten Jahrzehnten alle Nachkriegsbauten– etwa fünf Milliarden Quadratmeter Wohnfläche– auf zeitgemäßen Komfortstandard verbessert werden.

Mit Win-win-win-Strategie aus der Krise

Bei diesem Masterplan könnte ein Fördervolumen von 400 Milliarden Euro ein Investitionsvolumen von rund 3.000 Milliarden Euro in Europa auslösen, so Feist, welches der öffentlichen Hand allein durch Steuereinnahmen einen Rückfluss von 600 Milliarden Euro bringt. Für die Bewohner der so verbesserten Wohnbauten ergibt sich sogar eine Ersparnis von rund 4.000 Milliarden Euro an Energiekosten innerhalb der üblichen Darlehenslaufzeiten. Feist: „Das ist ein nicht unbedeutender Zuwachs an Kaufkraft, wodurch die Wirtschaftsentwicklung nochmals gefördert wird.“ Dafür sei es allerdings entscheidend, dass dieses Investitionsprogramm europaweit konsequent nur für wirklich nachhaltige Sanierungen vergeben wird, denn: „Sanierungen mit schlechterer Qualität zementieren nur die schlechte Effizienz.“ Darüber hinaus würden sich diese Maßnahmen wesentlich auf die Reduktion des CO2-Ausstoßes auswirken, es würden unzählige neue sogenannte „Green Jobs“ geschaffen, das Handelsbilanzdefizit wäre entlastet und somit die Finanzkrise der EU nachhaltig entschärft. Vor allem würde dies Europa ein wesentliches Stück unabhängiger von den Importen fossiler Energieträger machen

Sanierungsstau

Das in Hannover präsentierte Manifest ist für Schuh ein weiterer großer Schritt für die Passivhausbewegung, herrscht doch landauf, landab ein „beträchtlicher Sanierungsstau“. „83% der österreichischen Bausubstanz sind Bestandsbauten vor 1990. Nicht nur Gebäude aus den 60er- und 70er-Jahren stehen längst zur Sanierung an, sondern auch die große Anzahl von Gründerzeithäusern. Etwa 35.000 allein in Wien. Bei diesem immensen Sanierungspotenzial spielt künftig die Passivhaustechnologie eine zentrale Rolle.“ Aber es wurde nicht nur theoretisiert in Hannover. Anhand gelungener Beispiele wurde anschaulich bewiesen, dass Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz nicht nur ökologisch Sinn ergeben, sondern auch ökonomischen Gewinn bringen.

Ökonomisch nachhaltige Sanierungen– sind möglich!

Wie zum Beispiel die Sanierung eines Wohn- und Geschäfthauses aus dem Jahre 1900 auf Passivhaus-Standard: Bei der grundlegenden energetischen Modernisierung entstand durch konsequente Nutzung von Passivhaus-Komponenten ein effizientes und nahezu CO2-freies Gesamtsystem mit hohem Komfort. Anderes Beispiel: Ein ehemaliges 50er-Jahre-Fertigungsgebäude mit 13.000 Quadratmetern Bruttogeschoßfläche wurde in ein „Plus-Energie“-Betriebs- und Industriegebäude in Hannover umgewandelt. Die Energieversorgung dieses Passivhauses erfolgt über Sonne und Biomasse. Aber auch kulturhistorisch wertvolle Bauten können– unter Wahrung der Substanz– zu Passivhäusern saniert werden, wie anhand eines 160 Jahre alten Bauernhauses „vulgo Weber“ demonstriert wurde. Durch Planung, bauphysikalische Berechnungen sowie einen Feldversuch mit 30 Zentimeter Innendämmung (ohne Dampfbremse) wurde innerhalb der Programmlinie „Haus der Zukunft plus“ aufgezeigt, dass eine sehr gute thermische Sanierung von historischem Altbestand möglich ist.

Sehr zu begrüßen war für Schuh auch, dass die Möglichkeit zur Zertifizierung von modernisierten Altbauten mit Passivhaus-Komponenten weiterentwickelt wurde. Die sogenannte EnerPHit-Zertifizierung dient vor allem der Qualitätssicherung und ist nunmehr auch bei denkmalgeschützten Gebäuden möglich.

Vormarsch der Passivhaus-Technologie weltweit

Was fiel bei der diesjährigen Veranstaltung noch besonders auf? Nachdem in den letzten Jahren die Anzahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer stets angestiegen war, wurde die diesjährige Tagung von deutlich mehr internationalen Themen geprägt. Die vorgestellten Projekte decken mittlerweile die meisten Klimazonen ab: Von extrem kalten Zonen, wie etwa in Tibet, bis zu tropisch feuchten Gegenden wie Indonesien spannt sich mittlerweile der Bogen der mit Passivhaustechnologie gebauten Häuser. Ein weiterer Beweis dafür, dass das Konzept des Passivhauses (fast) auf der ganzen Welt funktionieren kann.

Innovationen: „Superwindows“ und Passivhaus-Kastenfenster

Besonders interessant für Fachleute waren Neuentwicklungen am Fenstersektor. Polnische Entwickler präsentierten ihre revolutionären „superwindows“ (www.superwindows.eu), Fenster mit einem unglaublichen U-Wert von 0,15 W/m²K. Diese Innovation wäre damit etwa sechsfach besser als die derzeit marktgängigen Passivhausfenster mit 0,8 W/m²K. Schuh: „Wir werden die Weiterentwicklung der gezeigten Prototypen auf alle Fälle verfolgen und sind auf eine künftige Serienproduktion gespannt.“

Ebenfalls erfreulich für den Experten war die Präsentation des ersten zertifizierten Passivhaus-Kastenfensters für denkmalgeschützte Gebäude der bayrischen Firma pro Passivhausfenster. Schuh: „Neben dem neu entwickelten Kastenfenster-Sanierungssystem ,Wiener Komfortfenster‘ des Wiener Architekten Georg Lux, das wir bereits erfolgreich einsetzten, wird auch dieses Produkt die thermische Modernisierung von Gebäuden mit schützenswerten Fassaden erheblich erleichtern.“

Neuheiten am Lüftungssektor

Dass eine kontrollierte Lüftungsanlage mit Wärmerückkopplung entscheidend für die Erreichung des Passivhausstandards ist, steht außer Frage. Jedoch bedarf es auch genügend Know-hows, um diese Technik effizient einzusetzen. Schuh: „Im Vergleich zu überschaubaren Systemen im Einfamilienhaus oder bei dezentraler Lüftung je Wohneinheit liefert zum Beispiel die zentrale Lüftungstechnik im mehrgeschoßigen Wohnbau immer noch Möglichkeiten, Fehler und Schwachstellen einzuplanen.“ Die Folge: zu hohe Luftmengen. Dieser Herausforderung stellte sich das Planungsteam E-Plus, das ein Mehrfamilienhaus in Lustenau mit neuartigen Volumstromreglern von drexel und weiss ausstattete, die einerseits ohne eigenes Messelement (also ohne zusätzlichen Vordruck) arbeiten und andererseits miteinander und mit dem Zentralgerät vernetzt sind und kommunizieren. Schuh: „Dadurch müssen die zentralen Ventilatoren keinen konstanten (und meist zu hohen) Druck aushalten, sondern nur dafür sorgen, dass die erforderliche Luftmenge in allen Einheiten befördert wird.“

Fazit des Fachmanns

Schuh: „Auf der Internationalen Passivhaustagung hat sich einmal mehr gezeigt, dass sich die Modernisierung in Richtung Passivhausqualität ökonomisch rechnet, auch wenn diese schrittweise erfolgt, denn: ‚Der Weg ist das Ziel‘“.

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