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Die großen Trends der Stadtentwicklung

Seit Anbeginn ihres Bestehens sind Städte Anziehungspunkte für Menschen. Um 1800 lebten rund 2% der Weltbevölkerung in urbanen Zentren. Heute, mit einer Weltbevölkerung von rund 6,9 Milliarden Menschen, lebt ungefähr die Hälfte in Städten und Großstädten. Die Entwicklung schreitet voran. Um das Jahr 2025 werden etwa 60% der Menschen in urbanen Zonen leben. Eine Herausforderung für die Stadtentwicklung.

Städte decken nur 1% der Erdoberfläche ab, beherbergen jedoch ungefähr die Hälfte der Menschheit und sind für 75% des weltweiten Energieverbrauchs verantwortlich. Täglich strömen zusätzliche 180.000 Menschen in die Großstädte dieser Welt hinein, deren Infrastrukturen für diese Kapazitäten teilweise überhaupt nicht ausgelegt sind. Stadtentwicklung ist eine der essenziellen Aufgaben der jeweiligen Stadtverwaltung. Drei große Trends prägen die aktuelle Stadtentwicklung: erstens die „Interurbane Konkurrenz“, zweitens die Aufwertung der Stadt und ihrer Quartiere und drittens die „Dubaiisierung“.

Die Städtekonkurrenz

Städte stehen in Konkurrenz zu anderen Städten– eine Vorstellung, die kommunale Behörden weltweit zu beherrschen scheint. Die eigene Stadt muss deshalb aus der Masse der andern Städte herausragen. Sogenannte „Flaggschiff“-Projekte– ein neues Stadion, ein Wolkenkratzer, ein Kongresszentrum– sollen dazu beitragen, über die Stadtgrenzen hinaus wahrgenommen zu werden. Man hofft auf den „Bilbao-Effekt“. Der baskischen Stadt gelang mit dem 1997 fertig gestellten Guggenheim-Museum ein tief greifender Imagewandel. Das spektakuläre Bauwerk des Stararchitekten Frank Gehry machte die Industriestadt zu einer Tourismusdestination mit jährlich einer Million Besuchern. Dabei werden sowohl die Megastädte des Südens wie auch eher durchschnittliche Städte im Norden von diesem Trend erfasst. Städte und Stadtregionen stehen auch immer stärker in interner wirtschaftlicher Konkurrenz zueinander. Wirtschaftsforscher gehen davon aus, dass sich in Zukunft die Landesgrenzen „auflösen“ und es vielmehr die Städte, Stadtagglomerationen oder Regionen sein werden, die als eigener Wirtschaftsfaktor selbstständig entscheiden und in einen Staatenbund integriert sind.

Wo beginnt die Stadt? Wo hört sie auf?

„Eine Stadt ist nie deckungsgleich mit ihren Grenzen, da gehört auch noch das Umfeld dazu, und hier ist wichtig: Wie organisiere ich die Kooperation mit anderen Gebietskörperschaften, sprich mit meinem Umfeld? Natürlich ist auch wichtig, wie sich eine Stadt im internationalen wirtschaftlichen Umfeld positioniert“, so DI Thomas Madreiter, Direktor der Wiener Magistratsabteilung 18 (Stadtentwicklung und Stadtplanung). Stadtentwicklung geht weit über die Stadt hinaus. Ein weltweites Unikat gibt es mitten in Europa mit der Region Centrope. Hier treffen vier Regionen mit vier teilweise sehr unterschiedlichen Sprachen aufeinander und versuchen sich gemeinsam im Konkurrenzkampf der Stadtregionen zu behaupten. Viele Prozesse benötigen zwar noch ihre Zeit, doch ist man mit der Centrope-Idee der Konkurrenz schon einen guten Schritt voraus. Es gibt zwar viele grenzüberschreitende Regionen, aber keine wagt sich in einen so schwierigen Bereich wie Centrope: vier Länder und dazu bis zum Fall des Eisernen Vorhangs zwei Weltanschauungen.

Aufwertung der Quartiere

Städte und Stadtviertel (sogenannte Quartiere) aufzuwerten zählt zu den wichtigsten Entwicklungen, die oftmals gar nicht von „oben“ getragen werden, sondern in der Stadt selbst entstehen. Der Begriff der Gentrifizierung (vom englischen Begriff „gentry“: niedriger Adel) beschäftigt derzeit die Stadtsoziologie und Stadtgeografie. Aus Slums oder Arbeiterquartieren entstehen Zonen für den Mittelstand und die Oberschicht. Billige Mieten ziehen Pioniere der Umgestaltung– Studenten und Künstler– an. Diese machen ein Quartier zum In-Treffpunkt und attraktiv für weitere, auch kaufkräftigere neue Bewohner. Dies bildet wiederum einen Anreiz für Investitionen in Liegenschaften, Maßnahmen zur Renovierung von Häusern und Wohnungen werden gesetzt. Insgesamt bewirkt dieser Vorgang, dass in einem langfristigen, oft an die 20 Jahre dauernden Prozess eine wohlhabende Bevölkerungsschicht in einem ursprünglich wenig attraktiven Stadtteil bzw. Bezirksteil ansässig wird. Als Klassiker in Wien gilt der 7. Bezirk, der seine Entwicklung bereits abgeschlossen hat, und die „Ungarn-Shops“ in und um die Mariahilfer Straße sind längst Vergangenheit. Eine ähnliche Entwicklung läuft derzeit im 2. Wiener Gemeindebezirk und auch der 5. und der 20. Bezirk werden in Zukunft eine enorme Aufwertung erfahren. Allerdings von „oben“ gesteuert, denn es sind oftmals auch große Bauvorhaben, die diese Entwicklung beeinflussen. In Wien wird nämlich nicht nur ein neuer Hauptbahnhof gebaut, sondern gleich ein ganzes Stadtviertel, und das beeinflusst natürlich die Entwicklung der Umgebung, wovon der 5. Bezirk profitieren wird.

Der Verkehr erstickt die Stadt

Das Verkehrsaufkommen ist eines der größten Probleme und erstickt die Städte. Shanghai ist ein klassisches Beispiel: Von 2005 bis 2020 wird sich nach den Planungen die Zahl der Fahrzeuge in Shanghai auf 2,5 Millionen mindestens verdoppeln, weshalb die Bahnlinien knapp ein Viertel des öffentlichen Verkehrs aufnehmen sollen. Der Stadt droht der Dauerstau, denn bereits heute beträgt die Durchschnittsgeschwindigkeit der Fahrzeuge nur noch zwölf Stundenkilometer– trotz mehrstöckiger Stadtautobahnen und eines Straßennetzes, das in den 90er-Jahren um 40% erweitert wurde. Leider ist es ein internationaler Trend, dass die Kfz immer mehr werden. Aber es gibt in Europa auch positive Entwicklungen gegen den Trend. „Besonders auffällig ist, dass innerhalb des Wiener Gürtels die Autoverkehrsnutzung abnimmt. Das ist international äußerst bemerkenswert. Wien ist gegen den allgemeinen Trend unterwegs und das macht uns stolz“, erklärt MA-18-Direktor Madreiter. Das U-Bahn-Netz und entsprechende andere öffentliche Verkehrsmittel lassen das Verkehrsaufkommen zurückgehen. Zusätzlich wurde das Radfahreraufkommen von 3 auf 6% der Verkehrsteilnehmer verdoppelt.

Neue und alte Wege

Auch in der arabischen Region geht man andere Wege. Ein 35 Hektar großes Areal im Herzen der Hauptstadt Doha des Emirates Katar wird erneuert. Aber nicht mit Glas und Stahl, sondern in traditionellem Stil in zum Teil 2.000 Jahre alter Bauweise. Natürlich wurde auch in Teilen Dohas nach bewährtem „Muster Dubai“ gebaut, aber man möchte jetzt anders sein. Eng. Issa M. Al Mohannadi, der CEO von Dohaland, ist etwa für das ungewöhnliche Projekt „Musheireb“ verantwortlich: „Das Projekt rückt das Leben in der Gemeinschaft in den Mittelpunkt und verbindet traditionelle katarische Kultur und Ästhetik mit moderner Technologie und setzt auf Nachhaltigkeit sowie Umweltfreundlichkeit. Grundidee des Projekts ist, die Menschen zu ihren Wurzeln zurückzuführen, Doha in einen einzigartigen Ort zu verwandeln und den Sinn für Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit neu zu erwecken.“ Das bedeutet: keine Autos, dafür regenerative Energien und Bautechniken, wie sie teilweise schon vor 2.000 Jahren angewandt wurden. Glaspaläste und hohe Türme interessieren Al Mohannadi nicht: „Wenn wir den höchsten Turm bauen, dann kommt irgendwann jemand und baut den nächsthöheren und dann ist das uninteressant. Es gibt bei diesen Glastürmen keine Identität und sie sind doch alles Kopien aus anderen Ländern. Die Erneuerung von Städten ist ein wichtiger Aspekt bei der Modernisierung von Metropolen weltweit. Aber sie muss so gestaltet werden, dass die Lebensqualität verbessert und gleichzeitig die Umweltzerstörung reduziert wird.“ Leider ist er eine Ausnahme, denn die „Dubaiisierung“ schreitet in den Entwicklungsländern voran. Für viele Stadtplaner des Südens gelten Singapur, Shanghai und Dubai als Vorbilder. Auch in Kairo, einer Stadt mit annähernd 20 Millionen Einwohnern, sind viele Städtebauer speziell von Dubai beeindruckt, sagt die Stadtforscherin Constanza la Mantia. Die Stadt drohe zunehmend ihre Identität zu verlieren. „Der öffentliche Raum verschwindet“, sagt sie, „selbst für das Spazierengehen am Nil muss man heute Eintritt bezahlen.“ Aber Stadtentwicklung ist nicht mehr einheitlich durch Wachstum gekennzeichnet. Wachsenden Regionen und Städten stehen vor allem in den entwickelten Industriestaaten schrumpfende gegenüber. Als neue Herausforderung für eine zukunftsbeständige Stadtentwicklung zeichnet sich ein Paradigmenwechsel von „gesteuertem Wachstum“ zu „geordnetem Rückzug“ ab.

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Über den Autor

wsenk

Walter Senk

Walter Senk ist Chefredakteur der Immobilien-Redaktion, die er 2010 gründete. Er ist seit 20 Jahren Journalist mit dem Fachgebiet „Immobilien“. Er konzipiert und betreut Newsletter und Magazine für Medien und Unternehmen, moderiert Veranstaltungen und leitet Podiumsdiskussionen.

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