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Elektrischer Strom – Luxus des Alltags

Für uns kommt der Strom aus der Steckdose in die eigenen vier Wände. Dass es nicht ganz so einfach ist, zeigt das Interview mit Verbund-Vorstand Wolfgang Anzengruber. Der Top-Manager gibt einen Einblick, was alles dahinter steckt, damit Österreichs Haushalte auch Tag für Tag einwandfrei mit Energie versorgt werden. Dabei wirft er auch einen Blick in die spannende Zukunft der Energieversorgung und erklärt unter anderem, warum Stromtankstellen nicht nur zum Tanken da sind.

Ende September fand in Fuschl die wichtigste Energiekonferenz Österreichs, die „energy 2050“, statt. Können Sie die wesentlichen Aussagen zusammenfassen?

Anzengruber: Die wesentliche Aussage war, dass Energie für die Zukunft sauber, intelligent und sicher sein soll. Wie schaffen wir die Energieerzeugung, die zunehmend in den Bereich der erneuerbaren Energie geht, und wie können wir die Effizienz der Energie steigern und damit die Versorgung der Bevölkerung sichern? Wir brauchen eine leist bare Energieversorgung, denn Energie darf kein Luxusprodukt sein. Mit einem Luxusprodukt kann man nämlich Wohlstand und Wachstum nicht sichern.

Wie sieht die Energieverteilung derzeit aus?

Anzengruber: Vom gesamten Energiekuchen, der weltweit verbraucht wird, entfallen 80 Prozent auf Kohle, Öl und Gas und lediglich 20 Prozent auf den Strom. Die Energiethematik nur auf den Strom zu beschränken ist daher zu kurz gegriffen, wobei Strom in Zukunft einen wesentlicheren Anteil ausmachen wird; der Stromanteil wird in Zukunft auf 40 Prozent steigen.

Um wie viel Prozent wird sich der Energiebedarf in Zukunft erhöhen?

Anzengruber: Wir erwarten einen Energiezuwachs bis 2035 von rund 50 Prozent. Die Hälfte des Bedarfs von diesen 50 Prozent wird aus Indien und China kommen. Das ist die eine Seite. Die andere: Rund 1,3 Milliarden Menschen haben keinen Zugriff auf elektrischen Strom. Die müssen in Zukunft auch versorgt werden. In der ganzen Planung ist Afrika kaum enthalten; daher sind diese 50 Prozent nicht zu hoch gegriffen.

Da das ein sehr aktuelles und drängendes Thema ist: Wie hoch ist der Anteil der Atomkraft am Strom?

Anzengruber: Wenn man das global auffächert, dann sind 80 Prozent fossile Energie wie Kohle, Öl und Gas, 14 Prozent sind erneuerbare Energie– wie zum Beispiel Wasserkraft– und sechs Prozent sind nukleare Energie. Die fossile Energie hat den Nachteil, dass sie, wenn sie einmal verbrannt ist, als Ressource wegfällt– und wir erzeugen CO2. Da diese fossilen Produkte nicht weltweit gleich verteilt sind, gibt es einen Wettbewerb zu den Zugängen in diesen Regionen.

Der CO2-Ausstoß muss verringert werden– aber wie kann das funktionieren, wenn mehr Energie benötigt wird?

Anzengruber: Mit Alternativenergien wie Wasserkraft und mit einer Effizienzsteigerung der Energie. In diesem Bereich kann man massiv etwas tun, und es gibt zwei große Potentiale.

Welche?

Anzengruber: Individualverkehr und Raumwärme. Etwa ein Drittel des Energie-Gesamtverbrauchs weltweit fließt in den Verkehr. Dazu muss noch erwähnt werden, dass rund 75 Prozent des Ölverbrauches für den Verkehr aufgewendet wird, und hier haben wir einen sehr schlechten Wirkungsgrad. Sie haben vom Ölbohrloch bis zum gefahrenen Kilometer lediglich einen Wirkungsgrad von 14 Prozent. Wenn man einen Liter Öl verheizt und damit Strom produzieren würde, um ein Auto zu betreiben, hätte man einen drei Mal so hohen Wirkungsgrad.

Das zweite Sparpotential bietet die Raumwärme …

Anzengruber: Bei den Neubauten haben wir keinen schlechten Wirkungsgrad, aber bei den alten. Es ist ein Frevel, Öl und Gas zu Raumwärme zu verarbeiten. In der Therme wird Gas mit Hochtemperatur verbrannt, um den Raum auf 20 Grad zu erhitzen. Das ist ein ähnlich schlechter Wirkungsgrad wie beim Öl im Individualverkehr. Wichtig ist, dass wir Rohstoffe dort verwenden, wo ich hochwertige Energie produziere. Man sollte bei Wärme mehr mit Biomasse arbeiten.

Die Zukunft der Erde liegt in den Alternativenergien, bei denen keine Ressourcen verschwendet werden.

Anzengruber: Absolut. Die Nachfrage ist da, allerdings sind diese Alternativenergien, obwohl sie für die Umwelt besser sind, noch sehr teuer. Mit Ausnahme der Wasserkraft müssen alle anderen gefördert werden. Würden wir zum Beispiel den Sonnenstrom nicht fördern, dann müssten Sie den achtfachen Preis zahlen. Das Problem ist, dass wir ein System nicht nur auf Förderungen aufbauen können, denn Förderung verzerrt die Märkte. Aber unser Wohlstand ist eben nur möglich, da die Energie so günstig ist.

Könnten Sie ein Beispiel geben?

Anzengruber: Wenn man auf einem Zimmerfahrrad 10 Stunden fährt– und zwar „bergauf“– dann ergibt das eine Leistung von einer Kilowattstunde. Die kostet beim Strom 20 Cent. Ein durchschnittlicher Haushalt benötigt jeden Tag zehn solcher Fahrradfahrer, um seinen Energiebedarf zu decken. Allerdings muss man auch das gesamte System sehen: Energie könnte durchaus um das Doppelte teurer werden, wenn wir sie doppelt so effizient nutzen könnten, das heißt, ihren Wirkungsgrad erhöhen würden.

Woher kommt es eigentlich, dass Österreich immer so stark auf Wasserkraft gesetzt hat? Viele Kraftwerke gibt es ja schon seit Jahrzehnten.

Anzengruber: Das hat geschichtliche Gründe. Nach der Monarchie ist Österreich-Ungarn zerfallen, und wir hatten keine Kohlengruben mehr. Die waren ja in den anderen Regionen der Monarchie. In dieser Situation musste genutzt werden, was da war– und da wurde sehr stark auf die Wasserkraft gesetzt. Heute machen wir 60 Prozent unseres Stroms aus Wasser, 10 Prozent aus neuen alternativen Energien und 30 Prozent aus fossilen Brennstoffen wie Kohle, Öl und Gas.

Der Verbund hat eine andere Aufteilung?

Anzengruber: Der Verbund produziert in Österreich 90 Prozent des Stroms aus Wasser, und das werden wir auch fortsetzen. Aber wir engagieren uns auch bei der Anwendung der Energie, wie zum Beispiel bei der Elektromobilität. Wenn wir zum Beispiel alle Autos in Österreich auf Strom umstellen würden, dann hätten wir einen Mehrverbrauch von 12 Prozent. Aber dann fahren alle Autos mit Strom und nicht mit Öl.

12 Prozent ist ja eine vergleichsweise geringe Summe.

Anzengruber: Natürlich. Wir unterstützen auch Projekte, bei denen es um die Elektromobilität geht, um hier Erfahrungen zu sammeln. Die durchschnittliche Reichweite eines E-Autos liegt heute bei rund 150 Kilometern, eines benzingetriebenen bei 800 Kilometern. Allerdings ist da der Tank voll, und dieses Gewicht muss ja auch transportiert werden. Wir wollen gemeinsam mit Partnern die Infrastruktur mit Tankstellen bereitstellen. Das hat aber auch noch einen ganz anderen Grund, an den man nicht denkt.

Welchen?

Anzengruber: Wir sehen heute bei der Stromversorgung, dass die Netze mit Windkraft sehr volatil werden. Wenn es viel Wind gibt, dann gibt es viel Strom, und wenn kein Wind geht, dann gibt es eben aus dieser Quelle keinen Strom. Da Sie aber Strom nicht zwischenlagern können, muss immer so viel produziert werden, wie gerade gebraucht wird. Wenn Strom unkontrolliert ins Netz kommt, dann haben die Netze eine sehr unterschiedliche Belastung, und das auszugleichen ist schwierig. Heute macht man das mit Pumpspeicherkraftwerken. Darum investieren wir sehr massiv in solche Pumpspeicherkraftwerke wie zum Beispiel das Kraftwerk Limberg 2 in Salzburg. Mit solch einem Kraftwerk können innerhalb von 90 Sekunden 480 Megawatt ins Netz gestellt werden oder rausgenommen werden. Das ist ein ganz wesentlicher Faktor für die Versorgungssicherheit der Bevölkerung.

Was hat das mit der Elektromobilität zu tun?

Anzengruber: In der Stadt ist das Auto kein Fahrzeug, sondern ein Stehzeug. Bei der Elektromobilität würden viele Fahrzeuge am Netz hängen, und wenn ich mehr Strom zur Verfügung habe, kann ich schneller laden, oder wenn ich ihn benötige, teilweise aus dem Auto rausnehmen– und damit könnte man einen Beitrag zur Stabilisierung des Netzes leisten. Ähnlich wie bei einem Pumpspeicherkraftwerk– und das ist unser primäres Interesse an der Elektromobilität: Sie wäre ein Baustein, den wir brauchen, damit wir mehr Windkraftwerke installieren können.

Vor rund zehn Jahren hat Österreich seinen Strommarkt vollständig geöffnet. Seitdem kann sich jeder Konsument aussuchen, welchen Anbieter er nimmt. Wie hat sich dadurch das Angebot verändert?

Anzengruber: Das ist richtig, und wir als Verbund bieten ebenfalls Strom auf dem freien Markt an. Was uns dabei unterscheidet: Unser Strom ist zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen– und das ist auch vom TÜV Deutschland zertifiziert.

Wie lässt sich das nachvollziehen?

Anzengruber: Man muss sich die Stromversorgung folgendermaßen vorstellen: Es gibt einen großen Stromsee, der von allen Erzeugern gespeist wird, und der Verbraucher nimmt den Strom heraus. Rein physikalisch bekomme ich als Verbraucher nie den Strom, den genau mein Versorger dort eingespeist hat. Wenn Sie aber beim Verbund den Strom kaufen, dann stellen wir sicher, dass wir die Masse an Strom, die unsere Kunden brauchen, aus erneuerbarer Energie in den See liefern.

Sind Sie auch für die einzelnen Leitungen zu den Wohnungen zuständig?

Anzengruber: Nein. Wir versorgen nur die Verteilernetze. Wir haben, bildlich gesprochen, die Autobahnen, und die Landesenergieversorger haben die Gemeindestraßen. Das von uns betriebene Netz steht aber allen zur Verfügung; die Stromlieferanten, die die Netze benützen, haben aber zu zahlen. Das ist auch der Grund, warum bei der Stromrechnung seit der Liberalisierung immer zwei Posten aufscheinen: für den Lieferanten des Stroms und für den Netzbereitsteller.

Eine wesentliche Herausforderung ist ja der Transport des Stroms. Wie darf sich das der Konsument vorstellen?

Anzengruber: Da ich die Energie nicht mit Eimern dorthin tragen kann, wo ich sie benötige, brauchen wir Leitungen und Netze. Leitungen sorgen aber immer für Diskussionsstoff, weil jeder gerne Strom aus der Steckdose haben will, aber nicht die Leitung vor der Haustüre. Um Strom über große Distanzen effizient zum Verbraucher transportieren zu können, benötige ich Hochspannungsleitungen. Noch dazu will der Kunde ja auch die Sicherheit haben, dass die Stromversorgung aufrecht bleibt, wenn eine Leitung ausfällt. Unsere Netze sind so sicher, dass wir es gar nicht mehr kennen, dass der Strom ausfällt. Wir leben in der privilegierten Situation, dass wir alle davon ausgehen, Energie sei einfach vorhanden. Und das ist Wohlstand und Luxus.

Interview aus der Firmenzeitung „Wohnart“, Ausgabe 6/11 des Österreichischen Siedlungswerkes (ÖSW) www.wohnart-online.at

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Über den Autor

wsenk

Walter Senk

Walter Senk ist Chefredakteur der Immobilien-Redaktion, die er 2010 gründete. Er ist seit 20 Jahren Journalist mit dem Fachgebiet „Immobilien“. Er konzipiert und betreut Newsletter und Magazine für Medien und Unternehmen, moderiert Veranstaltungen und leitet Podiumsdiskussionen.

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