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Architektur und Zeitgeist I

Im Jahr 1964 begann Rudolf Zabrana seine Berufslaufbahn bei dem Architekten Hugo Potyka. Seit dieser Zeit ist er in der heimischen Architekturszene verankert und politisch aktiv, seit 2001 etwa als stellvertretender Bezirksvorsteher des 3. Wiener Gemeindebezirks. Zahlreiche nationale und internationale Anerkennungen und Auszeichnungen prägen seine Berufslaufbahn ebenso wie viele Fachbücher, Forschungsarbeiten und gewonnene Wettbewerbe. 2014 feiert er sein 50-Jahre-Berufsjubiläum.

Was waren die wesentlichen Innovationen in der Architektur der 60er-Jahre?

Im Interview
Rudolf Zabrana
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Zabrana: Auf der einen Seite war es das Thema „verdichteter Flachbau“ von Roland Rainer, das zusammen mit der „aufgelockerten Stadt“ für Furore gesorgt hat. Dabei wurde sehr stark auf die Wirtschaftlichkeit Rücksicht genommen und nachgewiesen, dass man wesentlich weniger Fläche, Versorgungs– und Entsorgungsstränge benötigt als bei Einfamilienhäusern. Man wollte damals die Gemeinden dazu bringen, nicht nur das frei stehende Einfamilienhaus zuzulassen, sondern auch den verdichteten Flachbau. Das war zu einer Zeit, als Rainer die Siedlung am Mauerberg errichtet hat, die zum neu aufgekommenen Wohnhochhaus in starkem Kontrast stand.

An der Thematik „verdichteter Flachbau“ hat sich nicht viel geändert.

Zabrana: Es spricht natürlich sehr viel für diese Art des Siedelns im Gegensatz zum Einfamilienhaus, aber für viele Nutzer kommt es nicht infrage. Der Wiederverkaufswert ist bei Weitem nicht so hoch, und dass man um sein eigenes Haus herumgehen kann, ist immer noch ein wichtiger psychologischer Faktor. Im verdichteten Flachbau verschwimmt der Übergang zwischen Eigentum und Miete.

Was war der zweite Punkt?

Zabrana: Der zweite Punkt war das Aufkommen der Stadterneuerung. Begonnen hatte das mit der Assanierung– das war noch ein Begriff aus der Monarchie. Man wollte mit der Assanierung primär eine Verbesserung der Wohnverhältnisse erreichen. Die Idee und eine teilweise Umsetzung gab es schon früher, aber durch die beiden Weltkriege und die Wirtschaftskrise ist das nicht mehr weitergeführt worden.

Eines der wenigen Überbleibsel aus der ersten Zeit der Assanierung, wenn man so will, ist der Durchbruch in der Wiener Operngasse in den 30er-Jahren, und in den 60er-Jahren kam diese Idee der Revitalisierung wieder auf. Als eines der ersten Projekte wurde das Blutgassenviertel im ersten Bezirk assaniert, und dann erfolgte auch die Sanierung von Alt–Erdberg. Es gab aber bei beiden Projekten große Unterschiede.

Inwiefern?

Zabrana: Während man die Blutgasse sehr einfühlsam renovierte, wurde in Alt-Erdberg die bestehende Bausubstanz weggerissen und ein neuer Stadtteil gebaut. In weiterer Folge wurde dann die Sanierung am Spittelberg durchgeführt, wiederum auch sehr vorsichtig, und das waren eigentlich die Anfänge der „Sanften Stadterneuerung“. Diese Entwicklung war schon etwas sozial bestimmt und etwas nostalgisch, und man meinte eben, dass die über Jahrhunderte entwickelte Stadtstruktur sanft revitalisiert gehört, wobei die Bewohner in ihren Häusern bleiben sollten während die Wohnungen auf einen zeitgemäßen Standard gebracht wurden. Das ist ein Weg, der sich bis heute bewährt hat und weiter beschritten wird. 1968 gab es auch noch eine andere sehr starke Bewegung, nämlich die theoretische Architektur, eben das Reden über Architektur nach dem Motto von Günther Feuerstein: „Alles ist Architektur.“

Wien ist heute für die Sanfte Stadterneuerung weltweit bekannt.

Zabrana: Ja, das stimmt, ähnlich wie der soziale Wohnbau in Wien ebenfalls international sehr renommiert ist. Auch da kam es zu einem Paradigmenwechsel mit der Einführung der Bauträgerwettbewerbe. Bis in die 70er-Jahre wurden die Wohnbauten der Stadt eher freihändig vergeben, ohne Wettbewerbsverfahren. Angefangen haben die Wettbewerbe Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre, und Mitte der 80er-Jahre war es dann bereits Usus. Anstelle von Schlichtheit und Funktionalität hat sich im Wohnbau damals das Primat der Gestaltung durchgesetzt.

Wie meinen Sie das?

Zabrana: Man hat begonnen, über die Form intensiver zu diskutieren, und da kam dann auch sehr viel Innovationskraft in den Wohnbau. Diese Phase war für die gesamte weitere wohnbaulichen Entwicklung prägend– eher wenig Einfluss hat letztendlich der frei finanzierte Wohnbau gehabt. Der hat sich seit der Zeit des „Cottagebaus“ nur sehr langsam weiterentwickelt.

Was meinen Sie mit „Cottagebau“?

Zabrana: Die Firma Cottagebau war in den 60er-Jahren ein bekanntes Unternehmen, das frei finanzierte und damals auch relativ teure Wohnungen gebaut hat. Es war eines der wenigen Unternehmen, die dies gemacht haben, denn die Zinslandschaft war damals so, dass man fast nur gefördert gebaut hat. Nur wenige konnten sich frei finanzierte Wohnungen leisten. Die Kredite waren teuer, und im Gegensatz zu heute war es nicht ungewöhnlich, dass Wohnbaudarlehen mit 6 bis 7% verzinst waren. Die Leute hatten nicht so viel Geld– der allgemeine Wohlstand war damals noch nicht so hoch.

Innovationen gab es von dieser Seite nicht?

Zabrana: Beim frei finanzierten Wohnbau war die Gewinnmarge entscheidend, und Innovationen sind von dort nicht gekommen. Das ist auch heute noch so– mit wenigen Ausnahmen. Der geförderte Wohnbau ist noch immer wesentlich kreativer und fortschrittlicher, und die Suche nach neuen Wohn- und Ausdrucksformen erfolgt so gut wie ausschließlich im geförderten Wohnbau– mit wenigen Ausnahmen, wie gesagt.

Seit 2001 sind Sie Bezirksvorsteher-Stellvertreter im dritten Bezirk, aber bereits 1981 waren Sie Berater der Bezirksvorsteher in Bau- und Planungsfragen. Was waren für Sie die großen Veränderungen in Wien-Landstraße?

Zabrana: Die erste Veränderung war– nicht nur im dritten Bezirk, aber hier hat es sich sehr stark gezeigt– die Umstrukturierung der Industrielandschaft zu neuen Produktionsformen, zu Technologiezentren, Medien, Verwaltung oder Administration. Der Rand des Dritten war ein Industriegebiet. Der dritte Bezirk ist überhaupt gekennzeichnet von einem Nebeneinander großbürgerlicher Viertel mit vielen ausländischen Botschaften, Übergangsformen wie dem Weißgerberviertel und dann reinen Arbeitergegenden wie Erdberg sowie Industriegebieten wie St. Marx, wo früher die Fleischindustrie dominierte. Ein weiterer großer Schritt war der Bau der Südosttangente, die 1975 eröffnet wurde.

Wie hat sich die Autobahn ausgewirkt?

Zabrana: Es war eine Zäsur und das Signal zum Umbau der alten Industriegebiete, um eine bessere, sinnvollere und zukunftsweisendere Nutzung zu erreichen. Es handelte sich um eine massive Hebung der Standortqualität– die Grundstücke waren plötzlich ein Vielfaches von dem wert, was sie vorher gekostet hatten.

Eine weitere einschneidende Veränderung war die U3. Die Anbindung hat einerseits dicht bebaute Gebiete wie Erdberg massiv aufgewertet, aber auch Randgebiete wie den Erdberger Mais mit einer hervorragenden Standortgunst versehen. Die großen Zentren wie TownTown, Mediaquarter St. Marx oder die Gasometer City wären ohne U-Bahn undenkbar.

Aktuell sind wir in Wien-Landstraße in der nächsten Phase, in der die Bauten aus den 70er-Jahren umgenutzt oder abgebrochen werden und neue Projekte entstehen. Wie zum Beispiel das Zollamt, das abgerissen wird und Bauten mit gemischter Nutzung Platz macht. Die Halbwertszeit der Gebäude wird kürzer.

Das stellt sich ja bei Altbauten anders dar.

Zabrana: Altbauten, wie die Gründerzeithäuser, sind nutzungsneutraler und für viele Zwecke geeignet. Wir sind es heute in der Architektur gewohnt, dass wir Maßanzüge herstellen, die der jeweiligen Zeit Tribut zollen und daher nicht so nutzungsneutral sind. Heute schafft man bei vielen Wohnungen intelligente kleinflächige Grundrisse, die sich aber an keine Veränderung anpassen können. Daher wundert es auch nicht, dass bei kleineren Wohnungen und geringerer Fläche die Mieterwechsel häufiger sind, da diese Einheiten nicht auf veränderte Situationen reagieren können.

In diesem Zusammenhang gab es eine interessante Forschungsarbeit, an der Sie mitgearbeitet haben.

Zabrana: Wir haben in den 80er-Jahren eine Forschungsarbeit zum Thema „Flexibilität im Wohnbau“ durchgeführt. Wir haben stichprobenartig zahlreiche Bauakten im Wohnungsbau herangezogen und nachgesehen, was sich seit der Errichtung verändert hat. Interessanterweise hatten die massivsten Veränderungen immer mit geänderten ökonomischen Rahmenbedingungen zu tun: nach dem Ersten Weltkrieg durch die Zuwanderer aus der Monarchie, nach der Wirtschaftskrise oder nach der Bombardierung von Wien. Umbauten entstanden durch wirtschaftlichen Druck. Wenn es also wieder größere wirtschaftliche Probleme gibt, dann kommt es sicher wieder zu erzwungenen Umbauten und einer notwendigen Flexibilität. Im Gegenzug kann man auch sehen, dass in einer Zeit wirtschaftlichen Booms die Wohnungen größer werden.

Die Nutzungsarten sind dadurch ja auch betroffen.

Zabrana: Natürlich! In den 70er- und 80er-Jahren mussten wir in den guten Wohnlagen die Wohnungen davor schützen, dass sie nicht zu Büros umgebaut werden, und jetzt ist die Tendenz genau umgekehrt. Es werden Bürohäuser abgebrochen oder umfunktioniert, um wieder Wohnraum zu schaffen. Vor allem bringen Wohnungen in guten Lagen derzeit eine höhere Rendite als Büros, und durch die Rationalisierung der Wirtschaft sind die Bestlagen bei Büros wirtschaftlich nicht mehr vertretbar. Der Prestigestandort hat ausgedient.

Als jahrzehntelanger Beobachter– wie sehen Sie „Aspern, die Seestadt Wiens“?

Zabrana: Es gab schon in den 70er-Jahren die gleiche Diskussion, nämlich ob wir Stadterneuerung brauchen, und es war sehr manifest, dass sie notwendig ist, um den Druck aus dem dicht bebauten Stadtgebiet zu nehmen. Stadterweiterung ist notwendig und wichtig, weil Wien wächst. Aspern ist für etwa 8.500 Wohneinheiten mit rund 20.000 Bewohnern ausgelegt. Das entspricht dem Zuzug nach Wien von einem Jahr.

Wir brauchen diese Stadterweiterung, aber auch die Form der inneren Stadterweiterung, auf alten Kasernen und nicht mehr genutzten Bahnflächen. Nordbahnhof, Nordwestbahnhof, Hauptbahnhof, das sind alles Flächen, die einen gravierenden Eingriff in die neue Stadtstruktur darstellen. Es ist gigantisch, was zum Beispiel auch bei der Westbahn an Flächen frei wird, und hier lässt sich auch der Druck der Zuwanderung auffangen.

Im zweiten Teil spricht Rudolf Zabrana über die Entwicklung der Wiener U-Bahn sowie darüber, was ihn in der Stadtentwicklung am meisten erstaunt hat, und er erklärt auch, warum es für Architekten manchmal gut wäre, Politiker zu sein.

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Über den Autor

Walter Senk

Walter Senk ist Chefredakteur der Immobilien-Redaktion, die er 2010 gründete. Er ist seit 20 Jahren Journalist mit dem Fachgebiet „Immobilien“. Er konzipiert und betreut Newsletter und Magazine für Medien und Unternehmen, moderiert Veranstaltungen und leitet Podiumsdiskussionen.

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