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Lebenswerte Städte oder Moloche?
Credits: Maciej Bledowski

Lebenswerte Städte oder Moloche?

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Vier von fünf Europäern leben bereits in Städten, und es werden mehr. Auch Wien, die Stadt mit der höchsten Lebensqualität weltweit (laut Mercer-Studie), wächst. Städte und Stadtagglomerationen stehen in den nächsten Jahren vor immensen Herausforderungen. Was für eine lebenswerte Stadt der Zukunft wichtig ist, erklärt die Verkehrsstadträtin und Vizebürgermeisterin von Wien, Maria Vassilakou.

Was sind die größten Herausforderungen für die Städte in der Zukunft?

Vassilakou: Das sind Energieverbrauch und Mobilität. Vier von fünf Europäern leben bereits in Städten, und sie wachsen weiter. Wenn es einen Schlüssel zu einem neuen nachhaltigen Lebensstil gibt, dann liegt der in den Städten. Städte dürfen nicht mehr der größte Konsument bei Energie sein, sondern sie müssen den größten Effizienzfaktor beinhalten. Wir haben die Mittel, heute so zu bauen, dass die Gebäude nicht nur Energie sparen, sondern mittlerweile auch ein Plus produzieren, womit wir wieder andere mit Energie versorgen können.

Das andere Thema ist Mobilität.

Vassilakou: Für uns ist es selbstverständlich, dass jeder ein Auto besitzt. In Österreich kommen auf 1.000 Einwohner 500 Autos, in China sind es 50 und in Indien 20. In China und Indien nimmt der Trend zum Auto unaufhaltsam zu und das führt zur Erkenntnis, dass unsere Mobilität einen Turnaround braucht. Wie dicht bauen wir und welchen Flächenverbrauch haben wir? Wir müssen nicht nur Gebäude, sondern auch Grätzel so konzipieren, dass es eine große Auswirkung auf das Mobilitätsverhalten hat. Der öffentliche Verkehr ist in diesem Zusammenhang enorm wichtig. Das Know-how ist da und Städte brauchen ambitionierte Ziele.

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Auch Wien wird weiterwachsen.

Vassilakou: In Wien werden wir bis 2030 auf rund zwei Millionen Einwohner wachsen und bis 2050 auf 2,5 Millionen. Wir müssen daher die Stadt so weiterentwickeln, dass die Menschen gerne hier leben und nicht irgendwann eine Stadtflucht einsetzt.

Ihr Standpunkt zum öffentlichen Raum?

Vassilakou: Eine Stadt ist dort, wo die Menschen leben wollen. Wir kennen alle selbst jene Nichtorte, die es in Städten gibt, nämlich Orte ohne Identität, ohne Aufenthaltsqualität. Orte, die wir alle schnell wieder verlassen wollen. Stadt findet dort statt, wo wir uns alle gerne aufhalten, dort, wo viele Menschen sein wollen. Daher ist der öffentliche Raum von immenser Wichtigkeit. Wir haben vergessen, Häuser zu bauen, die Erdgeschoßbereiche haben, die ansprechend sind. Das ist wichtig, damit der Gehsteig und der öffentliche Raum von den Bewohnern als angenehm empfunden werden und die Menschen auch gerne in die Häuser gehen.

Wie lässt sich das Ihrer Meinung nach umsetzen?

Vassilakou: Es ist wichtig, sich beim Planen und Bauen Gedanken zu machen, nämlich von Anfang an, wie man den öffentlichen Raum gestalten möchte, so dass er auch genutzt werden kann und von der Bevölkerung genutzt werden will. So, dass die Sehnsucht nach dem Haus im Grünen nachlässt. Wenn eine Stadt gut ist für Kinder, dann ist sie gut für uns alle und stellt damit unsere ureigene Definition von Lebensqualität im Alltag dar. Es ist daher wichtig, neue Stadtviertel nach diesem System zu planen und zu entwickeln. Davon haben die Investoren etwas und die Immobilienentwickler, weil der Wert solcher Immobilien steigt.

Wie sieht die Bauform der Zukunft aus?

Vassilakou: Es geht in Richtung kompakte Bauformen, geringer Flächenverbrauch und besserer Nutzungsmix. 60 Prozent des Energiebedarfs in Europa benötigen wir für das Bauen und Nutzen von Wohnraum. Laut McKinsey-Report (www.mckinsey.com) ist es möglich, in Europa bis zum Jahr 2050 einen Energiebedarf von null in den Städten zu erreichen. Das muss auch unser Ziel sein, und wir wissen, dass dies ohne unvertretbare Kosten möglich ist, obwohl Wien in den nächsten 20 Jahren auf zwei Millionen Einwohner wachsen wird. Es gilt viele ambitionierte Ziele zu erreichen. Aber es gibt schon sehr viele intelligente nachhaltige Energiesysteme und so viele gute Beispiele für den Weg, der gegangen werden muss.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Vassilakou: Die Firma Henkel nutzt die überschüssige Energie, um Fernwärme für 380 Wohneinheiten zu produzieren. Die Liste von Maßnahmen und Mitteln ist wirklich sehr lange und reicht von ausgeklügelten und smarten Lösungen bis hin zu einfachen und kostengünstigen. Man muss nur von Anfang an mitdenken. Wir benötigen Gebäudeintegrierte Konzepte, und wenn heute ein Neubau entsteht, dann ist es einfach, diese schon von Anfang an einzuplanen und einzubauen. In diesem Zusammenhang brauchen wir auch ein neues Ökostromgesetz, das günstigere Rahmenbedingungen schafft.

Welche konkreten Themen stehen für Wien an?

Vassilakou: Die Stadt bereitet sich auf den Stadtentwicklungsplan 2015 vor. Da gilt es genau zu überlegen, wo die Achsen sein sollen, wo Wien wachsen kann, wo es sinnvoll ist, nachzuverdichten. Wir werden diesen Stadtentwicklungsplan auf partizipative Art und Weise erarbeiten.

Sie sprechen immer wieder das Thema der Planwertabgabe an.

Vassilakou: Wien wird wachsen und wir wollen auch wachsen und bauen, da es notwendig ist. Es muss aber auch die Infrastruktur, wie zum Beispiel Kanalisation und Straßen, mitwachsen, und daher brauchen wir eine transparente und klare Lösung, wie man die Kosten zwischen den Kommunen und den Bauträgern aufteilt. Viele tolle Projekte bleiben stecken, weil die Infrastruktur nicht mithalten kann, weil sie von den Kommunen nicht mehr alleine getragen werden kann. Der schönste Bau nützt nichts, wenn es keine Straße gibt, die dorthin führt.

Ein Beitrag von:

Walter Senk Walter Senk ist Chefredakteur der Immobilien-Redaktion, die er 2010 gründete. Er ist seit 20 Jahren Journalist mit dem Fachgebiet „Immobilien“. Er konzipiert und betreut Newsletter und Magazine für Medien und Unternehmen, moderiert Veranstaltungen und leitet Podiumsdiskussionen.

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