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Das Kaffeehaus – Raum der Begegnung mit dem Neuen

Was macht das Kaffeehaus in seinem Kern aus? Sicherlich nicht nur der „Kleine Braune“ oder die Sachertorte. Gräbt man etwas tiefer, so zeigt sich das Kaffeehaus als Ort des Sich-Ausklinkens aus dem hektischen, rastlosen und bis zur Absurdität hin geschäftigen Alltag und doch zugleich des In-der-Welt-und-in-Resonanz-mit-der-Welt-Seins. Es ist ein Ankommen an einem Ort der Hospitalité, des tiefen Gesprächs und Dialogs, in einem Rückzugsgebiet für den Geist, in dem er zur Ruhe gelangen, sich ausrasten und öffnen kann– öffnen für das Neue und für das Einnehmen neuer Perspektiven auf die Welt und sich selber. Darum gewinnt auch das Kaffeehaus im Vergleich zur Coffee-Lounge im Büro.

Das Kaffeehaus ist Wissens- und Lernort, indem es ein fluides Interface zwischen Privatheit und Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. Es erweitert den privaten Raum ins Öffentliche und den öffentlichen Raum ins Private. Hierbei sind mehrere Dimensionen beteiligt: etwa die physische Erweiterung des Kaffeehauses durch Aneignung von öffentlichen Flächen wie Gehsteige und Plätze. Vor allem jedoch zählt die soziale und emotionale Dimension, also das, wie der Architekt und Designer Gregor Eichinger so treffend als „mit sich alleine in Gesellschaft befinden“ beschrieben hat: selbst zu entscheiden, ob man zurückgezogen in einer Nische „unsichtbar“ eine introvertierte Haltung bzw. Beobachterrolle einnehmen möchte oder ob man zentral im Raum ohne Zwang, aber mit Möglichkeiten zur Interaktion sitzt. Das Kaffeehaus also als Lernort. Das war übrigens auch schon in der Vergangenheit so. Man denke an die vielen Dialog-Zirkel oder an die weithin bekannten Literatencafés, in denen Wissenschaftler, Künstler, Schriftsteller und Unternehmer ohne Disziplinen-Korsett Zukunft erdachten und erprobten.

Kaffeehäuser als Orte des Wissens und Lernens

Szenenwechsel. Das moderne Großraumbüro. Kann hier gelernt werden? Kann hier Neues entstehen? Wie wird mit dem Wechselspiel von Privatheit und Öffentlichkeit, das für den Lern- und Wissensgenerierungsprozess so essenziell ist, umgegangen? Offensichtlich wenig befriedigend, wie Befragungen in Unternehmen, die auf moderne Shared-Office-Konzepte umgestiegen sind, zeigen bzw. wie es auch der Film „Work hard, play hard“ (Carmen Losmann, 2011) angedeutet hat. Wenn nur noch kommuniziert wird, wer denkt dann eigentlich noch nach, wer hat Zeit und Muße, sich dem Risiko des Neuen zu stellen? Der Wunsch der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nach mehr Privatheit im Büro ist nicht zu überhören. Vielen modernen Büros fehlt eine emotionale Sicherheitszone, die das Kaffeehaus so charmant zur Verfügung stellt: das Kaffeehaus als Wissensarbeitsplatz, als „Großraumbüro“, ohne dass man merkt, dass es sich um einen Arbeitsplatz handelt.

Unterschied zwischen dem Großraumbüro und dem Kaffeehaus als Wissensarbeitsplatz

Muße, Lernen und die Generierung neuen Wissens sind Zustände des Geistes, der Kognition, der Emotion, letztlich des Individuums. Dieses steht jedoch nie gänzlich isoliert für sich selber, sondern ist immer eingebettet in seine physische, soziale und kulturelle Umwelt. Diese „Embeddedness“ oder „Situatedness“ erweitert unseren Begriff von Kognition auf die Umwelt: Kognition findet nicht nur im Kopf statt, sondern geschieht in Interaktion zwischen Gehirn/Geist, Körper und physischer sowie sozialer Umwelt; damit stellt sich auch die Frage, wie Umwelten gestaltet sein müssen oder können, um eben diese Prozesse der Schaffung des Neuen zu ermöglichen und zu unterstützen. Solche gestalteten Umwelten bezeichnen wir als „Enabling Spaces“. Diese beinhalten nicht nur physische oder architektonische Aspekte, sondern ebenso eine soziale, emotionale, kognitive, epistemologische und kulturelle Dimension. Die Integration dieser Dimensionen zu einem ganzheitlichen Raum verleiht diesem seine Qualität der Ermöglichung des Neuen. Wir sehen, dass in diesem Zusammenhang Muße– neben anderen Aspekten– eine zentrale Rolle spielt. Was ist die Voraussetzung für Muße? Wie sehen Orte der Muße aus? Was ermöglicht Muße und damit die Hervorbringung des Neuen?

Kaffeehaus als Ort der Muße?

Neben einigen anderen Orten, wie etwa die Natur, Ateliers von Künstlern und Künstlerinnen oder sakrale Räume, scheint das Kaffeehaus solch ein spezieller Ort zu sein, an dem sich die Qualitäten der „Muße als Ermöglicher für die Begegnung mit dem Neuen“ realisieren. Natürlich geht es im Kaffeehaus nicht vordergründig und ausschließlich um die Schaffung des Neuen, um Innovation oder um Kreativität. Bei näherer Betrachtung stellt sich jedoch heraus, dass der Umgang mit dem Neuen in unterschiedlichsten Erscheinungsformen immer wieder zu den Kernaktivitäten zählt, die man in einem Kaffeehaus vorfindet: seien es intensive Gespräche, in denen man in einen „Flow-Zustand“ gerät und das Gegenüber oder sich selber völlig neu entdeckt oder neue Visionen entwickelt, neue Ideen spinnt; sei es ein fundamentales Aha-Erlebnis, das einem beim zurückgezogenen Lesen eines Buches bei einem Kleinen Braunen zufällt; sei es eine wichtige Einsicht, die man durch das Lesen eines guten Artikels in einer Qualitätszeitung erhält; sei es einfach der spontane Einfall, den man beim „Einfach-nur-so-dasitzen-und-in-die-Luft-Schauen“ hat. In all diesen Fällen geht man verändert als neue Person und/oder mit (völlig) neuen Perspektiven aus dieser Situation. Trotz der Diversität dieser Aktivitäten ist es ihnen eigen, dass sie im Kern etwas mit der Begegnung mit dem Neuen zu tun haben.

Gratuité und Absichtslosigkeit

Planen, Kontrolle, Vorhersagbarkeit– was für ein Widerspruch, wenn man diese Konzepte in den Kontext des Kaffeehauses setzt! Vorhersagbare Gespräche sind genau das Gegenteil von interessant. Planen und Kontrolle über den Fluss der Gedanken sind das Gegenteil dessen, was dazu angetan ist, das Neue hervorzubringen. Der Charme des Kaffeehauses liegt– gerade im Kontext der Frage einer Begegnung mit dem Neuen– in seiner Atmosphäre der Absichtslosigkeit, der Unplanbarkeit und des nicht explizit Auf-Nutzen-Ausgerichtetseins. Man trifft sich oder zieht sich zurück in einem halb öffentlichen und doch nicht organisationalen Kontext, um einfach da zu sein, alleine oder gemeinsam, zu genießen, dass man bedient wird, ein wenig den Alltag zu „feiern“, sich eine kurze Zeit der Muße zu gönnen. Die Entspanntheit und Mühelosigkeit im Kaffeehauses begründet u. a. die Stimmung der Absichtslosigkeit– diese ist eine der Voraussetzungen für die Hervorbringung des qualitätsvollen Neuen. Es verhält sich ähnlich wie mit dem Glück: Zielt man das Glück direkt an, so wird es einem in den meisten Fällen verwehrt bleiben.

Die hippe Coffee-Lounge im Konzern

Und dies ist es wohl auch, was ein Kaffeehaus von hippen Coffee-Lounges in Konzernen und Organisationen unterscheidet: die Gratuité und Absichtslosigkeit. Wenn man zu vordergründig das Neue anstrebt und all dies als „informelle Gespräche“, schreiende oder gediegene Bürolandschaften, Freiräume und „Workspaces“ für Kreativität etc. tarnt, so sollte man sich nicht der Illusion hingeben, dass die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen dieses manchmal allzu plumpe Spiel nicht durchschauen. Recht schnell kann diese scheinbare Großzügigkeit als Versuch des „Ausnützens der kreativen Potenziale“ oder als verstecktes Unterfangen zur Erhöhung der Produktivität aufgedeckt werden, womit genau der gegenteilige Effekt erzielt werden. Im Kaffeehaus dagegen geht es nicht vordergründig darum, kreativ produktiv sein zu müssen– obwohl ebenfalls „Kaffee“ bzw. „Café“ außen draufsteht, finden sich in seinem Inneren andere Qualitäten, die man in dieser Weise im „Coporate/Business-Bereich“ nicht– oder nur sehr schwer– simulieren kann: Das Neue ist Frucht und nicht das primär angepeilte Ziel.

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Über den Autor

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Markus Peschl

Univ.-Prof. Markus F. Peschl ist Professor für Wissenschaftstheorie und Kognitionswissenschaften an der Universität Wien. Sein Forschungsschwerpunkt liegt im interdisziplinären Bereich der Entstehung von Wissen in Kognition, Wissenschaft und Organisationen, Wissensmanagement, Enabling Spaces und der (radikalen) Innovation.

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