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Der Dorfplatz in der Megastadt – eine Utopie?
Credits: ©Tryfonov - stock.adobe.com

Der Dorfplatz in der Megastadt – eine Utopie?

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Städte, die auch eine Zukunft haben wollen, müssen ihren Bewohnern soziale Strukturen bieten können. Größe allein macht eine Stadt auf lange Sicht nicht aus.

,,Die Ausweitung des städtischen Raums verändert die Landkarten der Welt und trägt dazu bei, dass sich die Wirtschaftsmacht von der Ebene der Länder auf jene der Städte verlagert. Städte wachsen nicht nur wirtschaftlich – sondern auch in die Breite, in die Höhe, in die Tiefe und auch in die Zeit hinein. Sie werden zu Orten, die niemals schlafen und ihre urbanen Aktivitäten 24 Stunden pro Tag das ganze Jahr über anbieten. Als Frank Sinatra New York als „the City that does not sleep“ besungen hat, schien dies eine spannende Welt zu sein, vielleicht auch, weil sie für viele Menschen weit entfernt war. Jetzt kommen diese Visionen immer näher. Leben rund um die Uhr. Nicht nur Megastädte in China, Indien, Teilen Afrikas und Lateinamerika wachsen schnell, auch die Bevölkerung der kleinen und mittleren Städte ist im Ansteigen begriffen.

Städte, Stadtagglomerationen, Regionen

Betrachtet man die Stände auf den internationalen Messen wie Expo Real und MIPIM, fällt auf, dass diese immer mehr von Städten, Stadtagglomerationen oder Regionen bespielt werden. Das Konzept globaler Städte ist zwar nicht neu, zählt jedoch aktuell zu den großen Diskussionsthemen. Einige Ökonomen und Stadtforscher gehen sogar davon aus, dass sich die nationalen Grenzen über kurz oder lang verlagern oder dass sie sogar verschwinden und es viel stärker zur Bildung von Regionen und Metropolregionen kommt. Stadtstaaten oder Stadtregionen könnten das Erscheinungsbild der Erde in Zukunft prägen. De facto haben wir diese Situation ja schon. Wenn aber in weiterer Folge Regionen und Städte von den gesetzlichen Strukturen eines Landes losgelöst wären, dann könnten sie in sich geschlossene eigenständige Einheiten bilden und leichter sinnvolle und wichtige Gesetze für sich beschließen und so auch autarker agieren.

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Der Mensch in der Masse

Die Frage ist, ob die Menschen tatsächlich in solchen riesigen „Städten“ leben wollen. Wenn ja, dann stellt sich auch die Frage: Wie? Zigtausende fremde Menschen rund um sich? Der Mensch ist zwar ein soziales Wesen, aber zu viele Kontakte stressen in Folge auch. So zeigt sich in unterschiedlichen Studien, dass die Menschen, deren gesellschaftlicher Rahmen überschaubar ist, glücklicher, entspannter und zufriedener sind als solche, die in einem engen Umfeld voll mit unbekannten, sich drängenden Menschen leben und permanent Fremdkontakten ausgesetzt sind. Es gibt eine Sehnsucht nach Ruhe.

 

Aus den Suburbs in die Grätzel

Ein Rückbau der Städte ist nun einmal eine Illusion, die Veränderung innerhalb der Städte allerdings nicht. Die Anzeichen mehren sich: Wohnen und Arbeiten vermischen sich immer mehr, und der Wohn- beziehungsweise Arbeitsplatz bekommt damit einen ganz neuen Stellenwert. Selbst in den USA ist die Zeit der Suburbs vorbei. Die Millennials wollen sich die „Anreise“ an den Arbeitsplatz nicht mehr antun, sie wollen in der Stadt wohnen – aber nicht irgendwo. Es soll ein „Grätzel“ sein, wie man in Wien so schön sagt. Es verspricht Lebensqualität in der großen Stadt, Sicherheit, Freunde in der Umgebung, eine gewisse Form an Nachbarschaft. Die Gegend soll hip sein, aber auch ein menschliches Umfeld bieten, in dem Mann und Frau sich als Bewohner wohl und geschätzt fühlen. Muss man wegziehen, dann tut man das nicht gerne. Das, was für die deutschen „Schwarmstädte“ gilt, nämlich das Zusammenschließen Gleichgesinnter, das gilt auch für die einzelnen Stadtbezirke.

Soziale Strukturen halten die Stadt zusammen

Soziologen sind längst überzeugt, dass für die Stadt, unabhängig von all den damit verbundenen Themen – wie Wachstum, Technologie oder Verkehrssysteme – in Zukunft ein Faktor der entscheidende sein wird: die soziale Struktur innerhalb der Stadt, innerhalb der einzelnen Stadtteile. Städte werden nur „funktionieren“, wenn die Menschen dort auch leben wollen. Wie groß eine Stadt überhaupt werden kann, hängt nämlich weniger von ihrer „Kapazität“ oder „Belastungsgrenze“ ab, sondern von den Menschen, die dort bleiben wollen. Eine soziale Identifikation mit Megastädten, die mehr als zehn Millionen Einwohner haben, wird es nicht geben, sondern nur eine mit dem direkten Umfeld. Schon heute funktionieren neue Stadtteilentwicklungen langfristig nur dann, wenn sie von den Bewohnern akzeptiert werden.

Umfeld heißt Übersichtlichkeit

Die Metropole mit Millionen von Einwohnern ist nicht überschaubar, sondern der urbane Raum, in dem man wohnt. Die Menschen wollen ihre Gemeinschaftsplätze, denn nur, wo man sich (er)kennt, dort fühlt man sich auch sicher und geborgen. Auf dem Dorfplatz eben. Interessant ist, dass viele Stadtbewohner auch die Vorzüge von zwei oder drei Dorfplätzen zu schätzen wissen, die ihnen soziale Sicherheit, Rückhalt und Strukturen bieten – aber auch die Möglichkeit der Anonymität der Stadt. Dorfplatz reloaded, sozusagen.

Ein Beitrag von:

Walter Senk Walter Senk ist Chefredakteur der Immobilien-Redaktion, die er 2010 gründete. Er ist seit 20 Jahren Journalist mit dem Fachgebiet „Immobilien“. Er konzipiert und betreut Newsletter und Magazine für Medien und Unternehmen, moderiert Veranstaltungen und leitet Podiumsdiskussionen.

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