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Valentin, Kafka und die Projektentwicklung

Wenn man so manche Sachen liest, dann kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass es sich um einen Fake handelt. In diesem Fall dürfte es aber eine „Magistrats-Groteske“ sein, und sie spielt nicht in Wien, sondern in München. Sie wirkt wie der Einfall eines Kabarettisten.

Es geht um einen Wohnbau in einer Stadt, in der die Preise nach oben gehen und in der Wohnraum dringend gebraucht wird. Das Wohnprojekt, über das ich in einem Newsletter eines deutschen Immobilienberatungsunternehmens gelesen habe, sollte in München errichtet werden. Es soll allerdings 11 Jahre gedauert haben, bis die 680 Wohnungen auch tatsächlich fertig waren.

Allein wenn man sich drei von zahlreichen Verzögerungen, die in dem Newsletter aufgelistet sind, in Ruhe zu Gemüte führt, dann darf man sich schon einmal wundern.

Der Wohnbau sollte auf einem ehemaligen Gewerbegebiet errichtet werden, weshalb der Bauträger eine Gewerbeausgleichszahlung von letztendlich 3,087 Millionen Euro zahlen musste. Die Ermittlung der Höhe der Ausgleichszahlung dauerte vom Januar 2012 bis zum März 2015, da immer wieder neue Zahlen berechnet wurden. Ganz am Schluss bemerkte man, dass man eine Null vergessen hatte, und die Summe wurde von 3,87 auf 3,087 Millionen reduziert.

Vor Einleitung des Bebauungsplanverfahrens muss außerdem in München noch der Schulbedarf sicher gestellt sein. Sicherheitshalber stellte man im September 2011 die Anfrage an das Schulreferat und bekam nach ziemlich genau 3,5 Jahren die Antwort: Ja, der Schulbedarf sei sichergestellt. Auf die Frage nach dem Grund der doch auffälligen Verzögerung: Bei der Stadt München war lange Zeit nur eine Person für die Berechnung des Schulbedarfs zuständig.

Das absolute Highlight dürfte aber eine sogenannte Habitatuntersuchung gewesen sein, die sich vom März 2011 bis zum Juni 2015 erstreckte. Es gab ein offizielles Gutachten, wie viele Zauneidechsen sich auf dem Gelände befinden. Fünf Begehungen durch einen anerkannten Spezialisten ergaben, dass es zwei Zauneidechsen gäbe. Da man vermutete, es seien wahrscheinlich 30, und da jede Zauneidechse 150 Quadratmeter Lebensraum braucht, kam man zum Ergebnis, dass auf dem Grundstück 4.500 Quadratmeter nicht bebaut werden dürfen. Die Beamten zweifelten die Untersuchung an, sie vermuteten eine Population von 50 Tieren– mit einem Flächenbedarf von 7.200 Quadratmetern. Im April 2015 gab es dann einen Zauneidechsengipfel der Behörden, des Gutachters und des Projektentwicklers. An der dreistündigen Sitzung nahmen 11 Personen teil. Im Mai 2015 kam es zu Nachkartierungen mit je zwei gefundenen Zauneidechsen. Im Juni 2015 wurde das ursprüngliche Gutachten durch die Behörde dann doch akzeptiert.

Ich selbst kenne den Fall nicht, sondern habe das auch nur gelesen, aber es dürfte sich dabei nicht um einen Einzelfall handeln. Dass Bestimmungen und Gesetze eingehalten gehören, stelle ich außer Frage. Was mich aber wundert, ist die Tatsache, dass es nicht möglich ist, einen normalen Umgang– und Zeitablauf– zu finden, um Wohnprojekte zu ermöglichen.

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Über den Autor

Walter Senk

Walter Senk ist Chefredakteur der Immobilien-Redaktion, die er 2010 gründete. Er ist seit 20 Jahren Journalist mit dem Fachgebiet „Immobilien“. Er konzipiert und betreut Newsletter und Magazine für Medien und Unternehmen, moderiert Veranstaltungen und leitet Podiumsdiskussionen.

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