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Oben hui, unten nix

1968 bekam Dubai seine erste asphaltierte Straße. Heute ist die Stadt nicht wiederzuerkennen, denn keine Stadt der Welt wuchs so rasant und bietet so viele Superlative wie Dubai. Die Einwohnerzahl hat sich seit damals auf zirka 1,8 Millionen verfünfzehnfacht, eine Megacity ist entstanden. Eines hat man dabei allerdings vergessen. Eine Überschlagsrechnung zeigt, die gewaltig dieses Problem ist …

Dubai gilt als die Stadt, in der alle Immobilienwünsche in Erfüllung gehen– die unglaublichen Wohnprojekte der Metropole reichen vom höchsten Gebäude der Welt bis zu einer riesigen Mall mit fast einer Million Quadratmetern Verkaufsfläche und einer künstlichen Insel in Form einer Palme, die man auch vom Mond aus sehen kann. Die Spitze des Eisbergs, im wahrsten Sinne des Wortes: eine Skihalle, in der es jede Nacht schneit, damit die Skifahrer am nächsten Tag auch wirklich ideale Pistenverhältnisse vorfinden. Vom Wetter einmal abgesehen. Während außerhalb der Halle bei 45 Grad die Sonne scheint, hat es auf der präparierten Piste konstant minus vier Grad. Man stelle sich nur vor, in den Kitzbühler Gletschern würde eine Meereslandschaft errichtet, in der man auf den Wellen auch richtig surfen kann.– Doch das „Paradies“ ist bedroht.

Anfangs waren es die riesigen Ölvorkommen, mit denen die rasante Entwicklung des Emirats finanziert wurde, aber das Öl geht langsam zur Neige. Inzwischen setzt man verstärkt auf den Tourismus und die Ansiedlung internationaler Unternehmen, die sich zu einer beträchtlichen Einnahmequelle des Emirats entwickelt haben. Die Immobilien-Gigantomanie zieht jährlich geschätzte sechs Millionen Besucher an den Persischen Golf.

Wo die Kanalisation „baden“ geht

Obwohl sich Dubai gerne als ökologische Stadt darstellt, ist sie das nur bedingt. Oberhalb des Erdbodens wirkt alles normal, und es sind in den vergangenen Jahren auch zahlreiche mehr oder weniger grüne Immobilienprojekte entstanden. Unter der Erde allerdings gärt es– im wahrsten Sinne des Wortes. Denn eines ist in dem Boom einfach nicht mitgewachsen, und das ist die städtische Kanalisation. Eigentlich wurde darauf gar nicht geachtet.

Die Kanalisation der Stadt befand sich bis vor Kurzem immer noch in dem Zustand, in dem sie vor 30 Jahren für eine ganz andere Dimension ausgelegt worden war. Das heißt, dass sie gar nicht in der Lage ist, die Abwässer der Metropole aufzunehmen. Das muss sie aber auch gar nicht, denn stattdessen fließen die Fäkalien der rund 1,8 Millionen Einwohner– da sind die sechs Millionen Touristen im Jahr noch gar nicht dabei– einfach in Sickergruben, die regelmäßig abgepumpt werden und deren Inhalt mit Lastwagen entsorgt werden muss.

Ein Rechenbeispiel der Superlative

Ein kleines Rechenbeispiel zeigt die gewaltige Abwassermenge, die etwa alleine im Burj Khalifa, dem höchsten Gebäude der Welt, entsteht. Auf 163 Etagen beherbergt der Turm rund 35.000 Menschen. Der tägliche Wasserverbrauch pro Person im Privathaushalt beläuft sich in Österreich auf 150 Liter. Konservativ gerechnet verbbraucht jeder der 35.000 Menschen rund 50 Liter. Das sind aber immerhin 1.750.000 Liter pro Tag. Da ein Tanklaster, mit dem das Abwasser weggebracht wird, 10.000 Gallonen aufnehmen kann– das sind 37.850 Liter–, werden alleine für den Burj Kahlifa pro Tag 46 Tankwagen benötigt– und das ist, wie gesagt, eine konservative Rechnung und gilt nur für ein Gebäude in der Stadt, wenn auch für das größte.

Der Laster und das Stadtbild

Dieses Problem haben aber fast alle anderen Gebäude auch. So bilden sich kilometerlange Staus von orangefarbenen Lastern, die das Abwasser aus der Metropole entsorgen und in die Kläranlagen bringen. Damit ist das Problem aber nicht gelöst, denn auch die vorhandenen Kläranlagen reichen nicht aus, um ein derart großes Volumen aufzunehmen. Zwar wurde in der Zwischenzeit in neue Kläranlagen investiert, aber bei einem jährlichen Zuwachs der Abwässer von 25% und einer großen Anzahl neuer Hochhäuser kann man sich ausmalen, welche Mammutaufgabe es ist, die Kanalisation weiterhin durch Tanklaster zu ersetzen. So stehen nach wie vor die Lkws bei sengender Sonne tagelang im Stau, um auf die Entsorgung ihrer 10.000 Gallonen zu warten. Illegale Abwasserentsorgung ist in den Vereinigten Arabischen Emiraten ein weit reichendes Problem.

Vielleicht hätte man statt der Skihalle besser in eine angemessene Kanalisation investieren sollen.

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Über den Autor

Walter Senk

Walter Senk ist Chefredakteur der Immobilien-Redaktion, die er 2010 gründete. Er ist seit 20 Jahren Journalist mit dem Fachgebiet „Immobilien“. Er konzipiert und betreut Newsletter und Magazine für Medien und Unternehmen, moderiert Veranstaltungen und leitet Podiumsdiskussionen.

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