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In luftiger Höhe

Auf einen Baum zu klettern ist nur der halbe Spaß– der ganze Spaß ist es, auch oben zu bleiben. Baumhäuser versprechen Zuflucht. Sie laden ein, sich einfach über die Anforderungen des Alltags zu erheben. Ob traditionell oder modern, heutige Baumhäuser vermitteln Unabhängigkeit– als Wohnraum, Büro, Atelier oder Hotelzimmer. Dabei war die Idee hinter dem Wohnen […]

Baumhäuser versprechen Zuflucht. Sie laden ein, sich einfach über die Anforderungen des Alltags zu erheben. Ob traditionell oder modern, heutige Baumhäuser vermitteln Unabhängigkeit– als Wohnraum, Büro, Atelier oder Hotelzimmer. Dabei war die Idee hinter dem Wohnen im Baum eine ganz andere: Unsere Vorfahren hatten ganz andere Gründe, sich in das Geäst zu flüchten und dort auch zu bleiben. Es gibt weltweit immer noch einige Regionen, in denen sich an dieser Art zu wohnen nichts geändert hat. Wenn es auf dem Boden zu gefährlich wird durch herumstreunende Tiere, Hochwasser oder angriffslustige Nachbarn, dann ist der Bau von ebenerdigen Hütten unpraktisch und unsicher. Dann ist man in luftiger Höhe viel besser aufgehoben. Baumhäuser dienten prinzipiell dem Überleben und dem Schutz, wobei sich auch in den Bäumen lebende Naturvölker der Faszination des Wohnens in der Luft nicht entziehen können.

Spätestens seit der römischen Antike– und in anderen Teilen der Welt vermutlich schon viel früher– wurden Baumhäuser zum Vergnügen erbaut– im wahrsten Sinne des Wortes. Denn Kaiser Caligula veranstaltete Ess- und Trinkgelage auf seinen Baumhäusern. Die römische Antike war auch die erste Blütezeit der Baumhäuser in Westeuropa. Dann gerieten diese wieder lange in Vergessenheit, bis sie in der europäischen Renaissance wieder zum Leben erweckt wurden. Zu dieser Zeit ließen sich die Medicis in den Bäumen Mini-Marmorpaläste errichten.

Der englische Seefahrer James Cook war es, der Ende des 18. Jahrhunderts die Idee vom höheren Wohnen in Europa wieder zum Leben erweckte. Cook hatte in Tasmanien Einheimische gesehen, die in den Baumkronen in nestartigen Hütten lebten und sich in großen Körben abseilten. Damit kamen in der Romantik des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts die Baumhäuser wieder „in Mode“. Aus dieser Zeit stammt auch eines der ältesten übrig gebliebenen Baumhäuser, das Mitte des 18. Jahrhunderts gebaut wurde. Dabei handelt es sich um ein im gotischen Stil erbautes hochherrschaftliches Baumhaus in einer mächtigen Linde im englischen Pitchford Hall. Eines der wenigen Relikte dieser eigenwilligen Wohnform, denn leider sind Baumhäuser eben nur recht kurzlebig, sodass nur wenige historische Beispiele erhalten geblieben sind. Verbrieft ist jedoch die große Formenvielfalt von Baumhäusern, die den unterschiedlichsten Zwecken dienten. Gemälde, Drucke und Zeichnungen belegen zum Beispiel, dass im asiatischen Raum für hochgestellte Persönlichkeiten Baumhäuser errichtet wurden, die sich erheblich von den westlichen Modellen unterschieden.

Die Häuser in den Baumkronen erleben derzeit in den USA und in Europa eine Renaissance– als Hort der Ruhe, als Möglichkeit, sich aus dem hektischen Alltag zurückzuziehen. Mit den windschiefen Bretterbuden Marke Eigenbau, die früher Väter am Wochenende für ihre Kinder zusammenklopften, haben diese Konstruktionen allerdings nichts mehr gemein. Wer sich den Traum eines Baumhauses erfüllen möchte, muss allerdings auch einen geeigneten Baum dafür haben. Er sollte gesund und erwachsen sein. Eiche, Buche, Linde, Ahorn und Esche sind besonders geeignet. Sollte der Platz auf dem Baum nicht reichen, so kann das Konstrukt immer noch mit Pfählen am Boden abgestützt werden.

Baumhäuser der Moderne bestehen zum Teil aus neuen Hightech-Materialien und können schon einmal so groß wie Einfamilienhäuser werden. Sie dienen nicht mehr der Notwendigkeit des Überlebens, sondern bieten ein völlig neues Feld zum Erproben attraktiver, aufregender, fantasievoller und oft recht futuristischer Wohnkonzepte. Die Begeisterung für Baumhäuser nimmt immer mehr zu und es gibt Unternehmen, die sich ganz dem Bau von solchen Unikaten widmen. Sogar gut zwei Dutzend Anbieter weltweit haben sich auf die Entwicklung von Edel-Baumhäusern spezialisiert. Sie arbeiten auf Wunsch ihrer Auftraggeber oft mit teuren Materialien, bauen Heizungen, Internet-Anschluss, Whirlpool, Klimaanlagen und Duschen ein. Einige lassen sich komplett ausgestattete Büros mit Internet-Anschluss unter die Baumkronen des eigenen Gartens bauen und hoffen– dem Himmel so nah– auf mehr Inspiration. Allerdings: Das naturverbundene Bauherrenmodell erfordert meist nicht nur einen Bauantrag, sondern auch eine gut gefüllte Börse: Zwischen 5.000 und 150.000 Euro kosten solche Häuser und sind somit so teuer wie eine Wohnung– dafür aber auch so komfortabel. Und vor allem haben sie ihren Vorläufern einiges voraus: Sie halten nämlich nicht nur einen Sommer oder ein paar Jahre, sondern bei Weitem länger. Wer einmal testen möchte, ob ihm ein Baumhaus in einer passenden Dimension überhaupt gefällt und ob es auch das Richtige ist, der kann schon Urlaube in solchen einzigartigen Immobilien buchen.

Es ist vermutlich auch der Bau hoch über der Erde, integriert in einen lebendigen Organismus, das besonders Faszinierende an einem Baumhaus– sofern man schwindelfrei ist.

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Über den Autor

wsenk

Walter Senk

Walter Senk ist Chefredakteur der Immobilien-Redaktion, die er 2010 gründete. Er ist seit 20 Jahren Journalist mit dem Fachgebiet „Immobilien“. Er konzipiert und betreut Newsletter und Magazine für Medien und Unternehmen, moderiert Veranstaltungen und leitet Podiumsdiskussionen.

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