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Amsterdam – das selbst gemachte Chaos

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Amsterdams Wohnungsmarkt ist heillos überhitzt, und eine Besserung scheint sich nicht abzuzeichnen. Das Problem ist allerdings hausgemacht, wie ein Lokalaugenschein der Immobilien-Redaktion ergab.

„75.000 Euro hat mein Haus gekostet“, meint Wirtschaftsprüfer Ben S.: „Das war damals sehr günstig.“ Damals, das war die Zeit nach der Finanzkrise. In Amsterdam brachen die Preise ein, und das Haus, das vor 2008 noch 250.000 Euro gekostet hatte, war für einen Bruchteil zu haben. Mittlerweile hat der Wert des Hauses – rund 20 Minuten mit der Bahn vom Stadtzentrum entfernt – um 120.000 Euro zugelegt und liegt bei rund 195.000 Euro Das ist allerdings immer noch relativ günstig, wenn man derzeit die Preise in der holländischen Hauptstadt betrachtet. Die Krise hatte nämlich die Bauträger in eine Schockstarre versetzt, und Wohnbauten waren alles andere als interessant, um Geld zu verdienen. Was in den letzten Jahren gebaut wurde, reicht daher bei Weitem nicht aus, um die aktuelle enorme Nachfrage zu decken.

Amsterdams Wohnungsmarkt kocht

Daher ist es nur eine von vielen Preiskuriositäten, wenn ein Zehn-Quadratmeter-Zimmer in einer WG um 500 Euro angeboten wird. Dafür direkt im Stadtzentrum. Fast eine Okkasion, denn bei einem Lokalaugenschein konnte sich die Immobilien-Redaktion davon überzeugen, dass der Markt tatsächlich hoffnungslos überhitzt ist. Mittlerweile wird wieder gebaut, aber die letzten fünf bis zehn Jahre können nicht so schnell aufgeholt werden. Liegenschaften, welche die Stadt verkauft, werden zwar von Bauträgern erworben, aber eben, um „frei finanzierten“ Wohnbau zu errichten. Mit Preisen ab 5.000 bis 6.000 Euro pro Quadratmeter aufwärts.

Eine Kellerwohnung muss nichts Schlechtes sein

Auch innerstädtisch wird renoviert, was geht. Eine Parterrewohnung hat zwar den Nachteil der Einsichtigkeit, aber dafür ist sie oftmals mit einem Garten im Hinterhof verbunden. Und bodennahe oder überdimensionale Fenster, die einen tiefen Einblick in das Privatleben der Bewohner erlauben, waren in Amsterdam nie ein Problem. Die Fenster haben auch praktische Gründe: Zum einen fällt mehr Licht in die Wohnung, vor allem, wenn die Häuser sehr eng nebeneinander stehen und auch nicht sonderlich breit sind. Zum anderen lassen sich über die Fenster sperrige Möbel leichter transportieren als durch die engen und kleinen Treppenhäuser und Flure. Und eine Parterrewohnung ist sogar manchmal barrierefrei.

Von wegen barrierefrei

Damit hat man es in Amsterdam ohnehin nicht so, und Lifte sind in den Altbauten aufgrund ihrer Konstruktion kaum möglich. Alt werden sollte man in der Stadt vielleicht nicht. Dafür werden aber bei der Renovierung Fußbodenheizungen verlegt. Ohne die geht es allerdings bei kaltem Wetter und so nah dem Wasser ohnehin nicht – und vor allem sind ja die Preise auch entsprechend hoch. Da will man zumindest warme Füße haben. Eine Parterrewohnung mit 90 Quadratmetern im Stadtzentrum kostet rund 750.000 Euro.

Schwere Zeiten für Mieter

Für die Mieter sieht es nicht besser aus. In den Inseraten der Immobilienmakler werden 20 bis 30 Euro pro Quadratmeter angeboten. In Toplagen sind allerdings für 60 Quadratmeter schon 1.700 Euro zu zahlen, 162 Quadratmeter im exklusiven Grachtenhaus kosten 4.150 Euro. Die Wohnungsnot ist so eklatant, dass die Stadtverwaltung relativ rigoros gegen Privatvermietungen wie Airbnb vorgeht. Bürger sollen ihre Wohnung ab 2019 nur noch höchstens für 30 Tage im Jahr an Touristen vermieten dürfen. Bislang galt ein Maximum von 60 Tagen. Noch kümmert diese Einschränkung wenig, denn es ist ja noch Zeit, und vor allem ist in der Touristenhochburg die Vermietung von Privatzimmern oder Apartments ein lukratives Geschäft. Die Zahl der Wohnungen, die über Online-Plattformen vermietet werden, ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. 2013 wurden nach Angaben der Stadt noch rund 4.500 Amsterdamer Wohnungen bei Airbnb angeboten, 2017 waren es bereits 22.000. Die Uhr tickt, denn der Brexit könnte den Markt noch einmal verschärfen. Zahlreiche Institutionen sondieren bereits den Büromarkt in Amsterdam für den Fall, dass sie aus London wegziehen. Mit ihnen würde auch eine Vielzahl von neuen Bewohnern in die Stadt kommen.

Sein Haus verkaufen und in die Stadt zurückziehen möchte Ben S. nicht. Für das Geld seines Hauses bekäme er in der Stadt eine kleine Wohnung mit maximal 50 Quadratmetern, ohne Lift und mit einer schlechten Infrastruktur. Denn Supermärkte sind eher rar im Zentrum der holländischen Hauptstadt.

 

Ein Beitrag von:

Walter Senk Walter Senk ist Chefredakteur der Immobilien-Redaktion, die er 2010 gründete. Er ist seit 20 Jahren Journalist mit dem Fachgebiet „Immobilien“. Er konzipiert und betreut Newsletter und Magazine für Medien und Unternehmen, moderiert Veranstaltungen und leitet Podiumsdiskussionen.

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